PS134: Expeditionsbrief Nr. 6 – Zahlreiche Wale und ein erfolgreicher Abschluss der Expedition
In diesem letzten Expeditionsbrief von PS134 beschreibt zuerst Klaus Lucke die Arbeiten der Walforschungsgruppe, die im Rahmen eines Begleitforschungsprogramms zu den seismischen und anderen hydroakustischen Vermessungen an der Expedition teilnimmt. Anschließend ziehe ich ein Resumé der Expedition.
Die aus drei Meeresbiologinnen und -biologen, einer Tiermedizinerin und zwei Drohnen-Experten bestehende Walforschungsgruppe hat zum Ziel, neue Erkenntnisse über die Verbreitung und das Verhalten von Meeressäugern in dieser antarktischen Region zu gewinnen und zum anderen eine Validierung der Mitigationsmethoden durchzuführen, die wir an Bord der Polarstern während der hydroakustischen Untersuchungen im Bellingshausenmeer einsetzen. Diese Vorsichtsmaßnahmen sind erforderlich, da die Quellsignale der hydroakustischen Messungen, also die des Fächerecholots, des Sedimentecholots und der Seismik, die Meeressäuger eventuell beeinträchtigen könnten. Die wichtigste Methode, um dieses Risiko zu vermeiden, besteht aus der Überwachung durch die professionellen Walbeobachter und eine Gruppe von geschulten Beobachtern, die rund um Polarstern die Umgebung nach Meeressäugern absuchen. Insgesamt wurden ca. 400 Wale und unzählige Robben gesichtet, von denen die meisten auch nach ihrer Art identifiziert werden konnte. Mehrfach sind die hydroakustischen Quellen abgeschaltet worden, sobald sich die Tiere in der Sicherheitszone um die Polarstern herum befanden. Die Walforschungsgruppe betrieb darüber hinaus eine Drohne mit hochauflösender Videokamera (Abb. 1) und einen Unterwasser-Schallrekorder, um möglichst eine große Anzahl von Tieren visuell und akustisch nahe und fern des Schiffes zu detektieren. Die Drohne wurde leider während eines Testfluges am Anfang der Expedition stark beschädigt und ist mit handwerklichem Geschick von John und mit Hilfe des Schiffszimmermanns und der Maschinenwerkstatt wieder instandgesetzt worden, so dass sie Beobachtungsprofile um das Schiff herum abfliegen konnte. Zusätzlich nutzte die Gruppe die Eiserkundungsflüge mit dem Helikopter, um die Verteilung von Walen und Robben im weiteren Schiffsumfeld zu erfassen.

Am Montag fanden unsere letzten wissenschaftlichen Arbeiten der Expedition mit einem Versuch zur Entnahme von Gesteinsproben von der vulkanischen Peter-I.-Insel durch die Geologinnen Daniela und Anne statt. Leider bot das ausgewählte Aufschlussgebiet keine Landemöglichkeiten für den Helikopter, und sie mussten den Flug abbrechen. In den Tagen zuvor befanden wir uns in einem von Schiffen zuvor noch nicht befahrenen Gebiet vor dem Abbot-Schelfeis auf dem westlichen Schelf des Bellingshausenmeeres. Diese ungewöhnliche meereisfreie Saison hat es möglich gemacht, dass wir hier ganz neu entdeckte glaziale Tröge, in denen frühere Eisströme entlang flossen, vermessen und Sedimentproben vom Meeresboden nehmen konnten. Auch die Biologen waren von der erstmaligen Beprobung von Quallen und anderer pelagischer Arten in dieser Region begeistert.

Jetzt befinden wir uns auf der 6 Tage langen Überfahrt durch den Südost-Pazifik nach Punta Arenas. Knapp 10 Wochen lang sind wir nun auf diesem Schiff mit seiner fantastischen Besatzung unterwegs und haben Unmengen an geophysikalischen, geologischen und biologischen Daten und Proben aus einer Region gesammelt, die zuvor nur schwer zugänglich war. Die erschreckend geringe Meereisbedeckung der Antarktis in diesem Südsommer hat uns ermöglicht, den Schelf des Bellingshausenmeeres nahezu überall zu befahren, um dort unsere Forschungsziele zu bearbeiten. Hier nur ein kleiner Überblick über die reichhaltige wissenschaftliche Ausbeute dieser Expedition: über 3700 km an seismischen Profilen mit hervorragender Datenqualität, eine engmaschige bathymetrische Vermessung des Meeresbodens in verschiedenen Gebieten von der Gesamtgröße mehrerer Großstädte, 29 Sedimentkernstationen mit sehr gutem Material, 20 Messpunkte für geothermischen Wärmestrom, Sammlung von Gesteinsproben an 10 Lokationen an den wenigen vorhandenen Aufschlüssen auf dem Festland und kleinen Inseln, 16 Beprobungsstationen für die Quallenforschung sowie unzählige Beobachtungen von Walen (Abb. 2) und Robben. Die Fülle und Qualität der Daten und Proben lassen auf wichtige Erkenntnisse über die Eisschildgeschichte und das Ökosystem im Sektor des Bellingshausenmeeres hoffen. Bereits die an Bord zusammengestellten Rasterkarten aus den Fächer-Echolotmessungen des Meeresbodens zeigen erstmalig ein Bild von sehr dynamischen vergangenen Gletscher- und Eisstrombewegungen in dieser Region (Abb. 3). In den Laboren des AWI und der Kooperationspartner werden die Daten und Proben in den nächsten Monaten und Jahren ausgewertet, analysiert und dann mit vielen neuen Erkenntnissen in diversen Publikationen veröffentlicht.
Als Expeditionsleiter hat man ja neben der Verantwortung für die Erfüllung der wissenschaftlichen Ziele auch immer Sorge um das Wohlergehen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen und eine gute Atmosphäre auf einer solch langen Expedition, auf der naturgemäß nicht immer alles nach Plan läuft. Aber dieses wunderbare wissenschaftliche Team von 49 Personen aus 13 Nationen hat so fantastisch zusammengearbeitet, sich gegenseitig unterstützt, für erfolgreichen Geräteeinsatz und Probennahmen der jeweils anderen Arbeitsgruppen mitgefiebert und auch neben der eigentlichen Arbeit eine äußerst freundschaftliche und humorvolle Stimmung verbreitet. Dafür kann ich nur dankbar sein.
Zwei Teams haben auch sehr zum Erfolg beigetragen. Zum einen haben die Meteorologen Jens Kieser und Christian Rohleder vom Deutschen Wetterdienst in beeindruckender Genauigkeit täglich das Wetter vorhergesagt, so dass wir die Geräteeinsätze vom Schiff aus und die Flugeinsätze der Helikopter in optimaler Weise planen konnten. Das hervorragende Helikopter-Team mit den Piloten Lars Vaupel und Jens Brauer von NHC Northern Helicopter und ihren Mechanikern Gabriel Panter und Michael Seifert von der DRF Luftrettung haben jeden Flugbedarf für die Eiserkundung und Wissenschaft ermöglicht, solange das Flugwetter keine Grenzen gesetzt hat.

Der größte Dank gilt dieser einzigartigen und hervorragenden Schiffsbesatzung der Polarstern unter Leitung von Kapitän Moritz Langhinrichs, die uns bei der navigatorischen Routenplanung, bei allen Geräteeinsätzen an Deck, mit Hilfe aus den Maschinen- und Deckswerkstätten und natürlich mit dem Service des Küchen- und Messenbetriebs so wunderbar unterstützt hat. Liebe Crew, ihr seid ein „Dream Team“!
Wir freuen uns alle noch auf einen letzten beeindruckenden landschaftlichen Höhepunkt beim Durchfahren der westlichen Magellanstraße zwischen Patagonien und Feuerland, kurz bevor wir am 6. März in Punta Arenas (Chile) einlaufen werden.
Mit herzlichen Grüßen und Wünschen
Karsten Gohl
(Expeditionsleiter)
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