Morgens klingelt der Wecker. Frühstück gibt es von 7.30 bis 8.30 Uhr. Halb verschlafen torkle ich in den Frühstücksaal, in dem man freundlich von den diensthabenden Stewardessen empfangen wird. Zum Frühstück gibt es alles, was das Herz begehrt: von Pfannkuchen über Rührei bis hin zu frisch gebackenen Brötchen. Für einen Tag auf dem Eis ist das auch bitter nötig. ROV-Tag bedeutet für mich auch Mittagessen auf dem Eis. Also wird noch schnell die Brotdose gepackt und die Thermosflasche gefüllt, bevor ich mich auf den Weg in den Windenraum begebe. Dort brauche ich etwa 10 Minuten, bis ich mich in meine Polarkleidung eingepackt habe. Lange Unterwäsche, dicke Socken, Fleece-Jumper, Sturmhaube und Parka, Winterhose und Schneeboots. Dann geht es endlich raus. Auf dem Arbeitsdeck warten schon die anderen. Unser Bärenwächter und zwei weitere Mitglieder aus dem Team Eis. Bevor wir auf das Eis können, melden wir uns noch schnell bei der Gangway-Wache und der Brücke ab, damit alle Bescheid wissen, wo wir uns befinden.
Der ROV-Standort ist nicht weit entfernt und so laufen wir zu Fuß etwa fünf Minuten bis wir die ROV-Hütte und das ROV-Zelt erreichen. Unser Bärenwächter bleibt bei Temperaturen um die minus 30 Grad Celsius draußen und passt auf uns auf. Die Wache wird etwa alle drei Stunden abgelöst. Wir begeben uns zunächst in das ROV-Zelt. ROV, das bedeutet Remotely Operated Vehicle oder anders gesagt: ein kleiner Unterwasserroboter vollgestopft mit Kameras und verschiedenen Messinstrumenten. Das auf den Namen BEAST getaufte ROV wohnt in seinem ROV-Zelt und wird aus der ROV-Hütte gesteuert. Im Zelt befindet sich ein etwa 1,50 x 1,50 Meter großes Eisloch, das im beheizten Zelt nicht zufriert. ROV-Arbeit ist wohl die wärmste Arbeit unseres Eisteams draußen auf dem Eis. Sonst arbeiten wir meistens ohne jeglichen Wetterschutz bei teilweise minus 50 Grad Celsius Windchill (Lufttemperatur + Effekt vom Wind) und machen Schneeprofile, Eisdickenmessungen, Eismechanik oder scannen die Oberfläche mit einem Laser. Wenn wir Eisbohrkerne ziehen, was meistens von 9 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags dauert, bauen wir uns manchmal zum Schutz gegen den eisigen Wind ein Zelt auf.
Aber zurück zum ROV: Im ROV-Zelt angekommen starten wir sofort damit, die Kameras am BEAST für unsere heutige Mission auszurichten und nach einer Checkliste die nötigen Schritte vor unserem ersten Tauchgang durchzuführen. Nachdem das BEAST vorbereitet ist, werden auch die drei Computer hochgefahren und die Software gestartet, die zum Tauchen notwendig sind. Sie befinden sich in der ROV-Hütte, die zum Schutz der Computer auch beheizt ist. Samstags ist unser teamübergreifender ROV-Tag. Pünktlich zum Start des ersten Tauchgangs trifft Team Eco mit zwei Personen ein. Bei den ersten fünf Tauchgängen des Tages werden am ROV Netze befestigt. Zum einen ein fünf Meter langes Netz mit einer Art Besen an der oberen Kante und einem Auffangbehälter am Ende des Netzes und in diesem Netz ein feineres Netz mit einem weiteren Auffangbehälter. Mit dieser Konstruktion fangen wir Phytoplankton und Zooplankton sowie andere kleine Lebewesen, die direkt auf dem Schiff weiter analysiert werden. Die Gruppe teilt sich auf: Die meisten gehen in die ROV-Hütte, um dem Piloten und Co-Piloten beim Steuern zuzuschauen und die Eis-Unterwasserwelt mit den am ROV installierten Kameras zu bestaunen. Getaucht wird zunächst eine horizontale Linie direkt unter der Eisoberfläche, darauf folgen weitere Tauchgänge zwei Meter und zehn Meter unter der Eisoberfläche. Auf diese Art können die Kleinstlebewesen, ihre Anzahl, Vorkommen und Ernährung in unterschiedlichen Wassertiefen bestimmt werden. Nach jedem Netz taucht das ROV wieder auf und mit großer Spannung werden die Auffangbehälter der Netze ausgeleert, betrachtet und gesäubert.
Bis jetzt habe ich im Zelt gearbeitet, dem Roboter genug Kabel gegeben und ihn ins Wasser gelassen beziehungsweise wieder herausgeholt, damit die Netze geleert werden können. Jetzt gehe ich rüber in die Hütte und löse unseren erfahrenen Piloten ab. Heute darf ich als Pilotneuling mein erstes Netz fahren. Mit Netzen zu tauchen gehört zur Königsdisziplin. Zu leicht kann sich das lange Netz in den Propellern des ROV verfangen und diese beschädigen. Unser erfahrener Pilot gibt Anweisungen und ich tauche mit dem Netz einen V-förmigen 50 Meter tiefen Tauchgang. Dieses Netz dient als Vergleichsstudie zu den anderen Zooplanktonnetzen direkt unter der Eisoberfläche und auf zehn Meter Tiefe. Zunächst geht es in etwa 45° Winkel auf 50 Meter Tiefe und dann nach einer Drehung im gleichen Winkel wieder nach oben. Bei erfahrenen Piloten sieht die Steuerung immer sehr einfach aus. Doch muss man nicht nur das Verhalten des BEAST kennen, sondern auch die Strömung mit einberechnen und die Zugkraft der Netze. Zudem sind wir so nahe am Nordpol, dass unser Kompass nicht mehr zuverlässig nach Norden zeigt und eine gerade Linie zur Herausforderung wird. Doch alles hat funktioniert und auch das Loch im Eis zum Auftauchen ist schnell gefunden. Team Eco ist zufrieden und begibt sich für ihre Analysen zurück aufs Schiff.
Schon steht die nächste Mission an. Für das Team Media soll die Unterseite des Meereises, Lebewesen sowie Instrumente, die ins Wasser hängen, gefilmt werden. Inzwischen ist es 13 Uhr und ich wechsle nun ganz in die ROV-Hütte, um zusammen mit meinem erfahrenen Kollegen das BEAST zu steuern. Ein weiteres Teammitglied bleibt zur Beobachtung der Kabelwinde und zum Herausholen / Hereinlassen des ROVs im Zelt. Vor dem nächsten Tauchgang werden fünf Gopro-Kameras am BEAST befestigt. Für eine bessere Beleuchtung werden auch einige Lichter umpositioniert. Dann geht es ins Wasser. Ich tauche zunächst rüber zu Ocean-City, einer Station auf dem Eis, bei der Team Ocean viele ihrer Messungen durchführt. Dort filmen wir, wie ein Messgerät, das die Strömung in unterschiedlichen Tiefen aufzeichnet, gerade aus dem Wasser geholt wird. Kurze Zeit später wird es wieder für die nächsten Messungen ins Wasser gelassen.
Bevor wir uns im Kabel des Gerätes verfangen können, tauche ich zu einem nahe gelegenen Eisrücken. Diese entstehen dadurch, dass die Eisscholle an einigen Stellen durch Winde und Strömung aufbricht und sich diese Bruchstücke dann übereinander schieben. So kann innerhalb weniger Stunden ein Presseisrücken von sieben Metern Dicke entstehen. Ein Teil des Rückens guckt aus dem Wasser, ein Teil liegt unter Wasser. Mit dem ROV ist es möglich die verschiedenen Eistypen unter Wasser zu betrachten. An einigen Stellen ist das Eis ganz flach und gleichmäßig, an anderen Stellen weist es viele Unebenheiten auf. Uns gelingt es Quallen, Fische (Polardorsch) und Kleinstlebewesen zu filmen. Zudem ist die Unterseite des Eises mit seinem blauen Schimmer wunderschön. Beim Presseisrücken gibt es kleine Höhlen. Mit dem ROV fahre ich in eine etwa 1,5 Meter hohe Höhle und finde Sedimenteinschlüsse im Eis sowie Algenklumpen. Beim Herausfahren stoße ich an das sehr fragile Plättchen-Eis, sodass kleine Eisblättchen abbrechen und durchs Wasser treiben. Wunderschön. Auch Formen ähnlich den Stalaktiten in Tropfsteinhöhlen – aber aus Eis – lassen sich finden. So hängen hier und da Eiszapfen mit vielen Verästelungen von der Eisunterseite ins Wasser herunter.
Weiter geht die Fahrt zu einem weiteren Presseisrücken, an dem wir ganz unterschiedliche Instrumente installiert haben. Dieser Rücken wurde von uns liebevoll Fort Ridge (= Burg Rücken) getauft. Selbst eine Fahne mit einem Wappen haben wir aufgestellt. Am Tag zuvor haben wir auf dem Rücken Eisdicke sowie Hohlräume im Presseisrücken gemessen, die durch das Übereinander-Schieben von Eisplatten entstehen. In die dabei gebohrten Löcher haben wir Haken und Markerstangen herabgelassen, die für optische Messungen verwendet werden sollen, sobald das Sonnenlicht in die Arktis zurückgekehrt ist. Jetzt wollen wir mit dem ROV die Positionen der Haken aus der Sicht von unter dem Eis aus überprüfen und nachgucken, ob alle Haken am anderen Ende des Rückens ins Wasser hängen. Von fünf installierten Haken finden wir jedoch nur zwei. Von unten sieht man, wie ungleichmäßig der Rücken ist. Wir scheinen genau in eine dicke Eisplatte gebohrt zu haben. Unsere Löcher sind nicht tief genug, sodass die Haken nicht sichtbar sind. Das bedeutet, dass wir sie erneut installieren müssen.
Inzwischen ist es schon fast Abendessenszeit. Das ROV muss wieder umgebaut, die Gopro-Kameras entfernt, die Schrauben nachgezogen und die Daten kopiert werden. Danach geht es wieder zurück zum Schiff. Ein erfolgreicher ROV-Tag ist vorbei, an dem ich als ROV-Neuling weitere Fahrstunden und Erfahrungen sammeln durfte. Ich habe mich während der Fahrt durch die Höhlen am Presseisrücken nur einmal mit dem Kabel in den Eisunebenheiten verfangen, was durch unseren erfahrenen Piloten schnell wieder in Ordnung gebracht werden konnte. Vielen Dank für die tollen Eindrücke und die Erfahrungen, die ich auch heute sammeln durfte. Nach dem Abendessen steht noch ein Meeting auf dem Plan, bevor es weiter geht mit Datenarbeit. Noch ein schneller Gang in die Sauna, wo es sich herrlich entspannen lässt und auf ein paar Gespräche ins Zillertal, die Bar auf Polarstern, die samstags von Wissenschaftlern in Eigenregie betrieben wird. Dann falle ich müde aber glücklich ins Bett. Morgen ist zwar Sonntag, um 10.45 Uhr findet aber schon wieder das nächste Meeting statt, bevor es nach dem Packen der Messinstrumente und dem Mittagessen wieder raus aufs Eis geht.
Daniela Krampe, Team EIS, Alfred-Wegener-Institut
