Von Rafael Laso Perez |
Ich bin mächtig aufgeregt. In ein paar Stunden erreichen wir ‚S3‘ unsere erste Probenahme Station der Expedition PS107, auf welcher wir Untersuchungen in der Framstraße – dem Tor in die Arktis – durchführen. Es ist acht Uhr Abends und obwohl ich vor meiner Station eigentlich ein wenig Schlaf bekommen sollte, entscheide ich mich, in den schiffseigenen Fitnessraum zu gehen. Ich muss unbedingt etwas Adrenalin verbrennen.
Während meiner Übungen denke ich über diese Expedition nach. Es ist meine Erste. Aus diesem Grund sind meine Erlebnisse sehr stark durch die Gefühle alles Neuen geprägt. Ich freue mich darauf endlich diesen wundervollen Ozean auch einmal mit Eis bedeckt zu erblicken. Ich kann es kaum erwarten meine ersten Proben zu bekommen, um ein echter Wissenschaftler zu werden, der seine eigenen Daten produziert. Ich möchte das Leben an Bord erleben und meine eigenen Geschichten über die Arbeit hier erfahren – die lustigen Momente und die Erfüllung von gut gelaufener Arbeit spüren.
Auf dem Laufband kommt mir unsere Abreise aus Tromsø vor zwei Tagen wieder in den Sinn. Bei grandiosem Sonnenschein passierten wir wundervolle Fjorde auf dem Weg in den Nordatlantik heraus aus dieser kleinen Stadt in Nord-Norwegen. Jedenfalls war es ein guter Weg eine Reise zu beginnen, welche sicherlich meinen wissenschaftlichen Geist tief prägen wird.
Die ersten Tage sind reine Reisetage zu unserem eigentlichen Untersuchungsgebiet in der Framstraße zwischen der Insel Spitzbergen und Grönland. Allerdings sind dies keineswegs freie Tage. Wir müssen unsere Labore einrichten und unser Equipment vorbereiten, damit schließlich für die kommenden Probennahmen alles bereit ist. Für Neulinge an Bord, wie ich einer bin, bedeutet es erst einmal sich mit den Gegebenheiten an Bord vertraut zu machen: die Wege durchs Schiff, zur Messe und zu den Laboren, die Essenszeiten und die Möglichkeiten, wie man mit Freunden und Kollegen über spezielle E-Mail Adressen Kontakt halten kann. Außerdem haben wir spezielle Morgen-Besprechungen zur Vorstellung des aktuellen Wetters und des wissenschaftlichen Arbeitsplanes. Auf unserer zweiten Besprechung mussten wir Neulinge leider erfahren, dass wir auf dieser Reise möglicherweise nur wenig Eis zu sehen bekommen werden. Der Juli ist wohl schon eine recht fortgeschrittene Zeit im Jahr und der Klimawandel tut sein Übriges. Obwohl es natürlich für das Vorankommen mit dem Schiff und auch die Forschungsarbeiten besser ist, ist es für uns Neulinge doch etwas enttäuschend. Trotz allem ist die Aufregung allgegenwärtig. Heute Nacht bekomme ich meine ersten Proben!
Nach Beendigung meines Sportprogramms, gehe ich zurück in meine Kabine um zu Duschen und ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Da vernehme ich plötzlich merkwürdige Geräusche kombiniert mit einem leichten Rütteln des Schiffes. Es hört sich alles ein bisschen anders an als üblich. Ich frage mich ob sich das Wetter verschlechtert hat und schaue aus meinem Fenster. Die weißen Stücke da draußen auf dem Meer, sind ohne Zweifel Eis. Schnell schlüpfe ich in meine Polarkleidung, schnappe mir meine Kamera und gehe so schnell ich kann aufs Hauptdeck. Kleine Eisschollen treiben um das Schiff herum. Ich kann nicht wirklich weit sehen, da es doch recht neblig ist, aber man kann ganz klar ein größeres Eisfeld erkennen. Manche Schollen sind kleiner, manche größer. In manchen kann man erfrischende blaue Flecken (sogenanntes ‚Blue Ice‘) erkennen. Manche sind soweit durchgeschmolzen, dass man durch sie hierdurch die Tiefe des Ozeans erblickt. Geraten größere Schollen vor das Schiff, werden sie gnadenlos durch den Bug zerbrochen und machen überwältigende Geräusche, mitten in dieser arktischen Ruhe. Obwohl ich durchgefroren und müde bin, stehe ich an der Reling und genieße diesen einzigartigen Anblick. Langsam kommen immer mehr Leute dazu und wir erblicken einen Seehund auf einer der Schollen. Die Zeit fliegt dahin und ich sollte vor der Probennahme eigentlich noch etwas schlafen, aber ich kann mich einfach nicht von diesem Anblick losreißen. Die Aufregung dieser Reise durchströmt mich wieder.
[Übersetzung: Ingo Schewe]
