Von Ulrich Küster |
Erinnern Sie sich noch an den letzten Tag Schulunterricht vor den Sommerferien? Alle sitzen unruhig auf ihren Plätzen und können kaum das Läuten der Glocke erwarten, um sofort aus dem Gebäude ins Freie zu stürmen. So in etwa sah es auch am vergangenen Samstag, den 03. Juni aus, als es morgens hieß „Wir haben unsere Scholle!“. Spontan kam sehr viel Leben in das Schiff, als die Gangway endlich auf dem knapp zwei Meter dicken Eis lag. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schleppten zahllose Aluboxen auf das Eis, die Luft roch nach Zweitaktgemisch der Motorschlitten und alle konnten es kaum erwarten, die Vielzahl an Messinstrumenten auf der Scholle aufzubauen.
Sofort war klar, was für die nächsten zwei Wochen das kostbarste Gut sein sollte: und zwar Motorschlitten und Gewehre, deren Verteilung unter den Gruppen koordiniert werden muss. Jede Gruppe auf dem Eis muss zu jeder Zeit einen sogenannten „Bear Guard“ dabei haben. Dieser hält Ausschau nach pelzigem Besuch und sichert im Notfall die Gruppe. Gleichzeitig wird Funkkontakt mit der Brücke gehalten. Von dort aus blicken zwei Ferngläser ständig in alle Richtungen, um frühzeitig annähernde Eisbären zu sichten. Auf Dauer eine sehr anstrengende Arbeit, deren Notwendigkeit uns aber bereits am zweiten Tag klar wurde, als pünktlich zum Arbeitsbeginn um 8 Uhr sich zwei Eisbären dem Schiff näherten. Diese hatten, wie wir, scheinbar großes Interesse an der Erforschung des Klimawandels in der Arktis. Unsere Geräte wurden streng gemustert und für schlecht befundene Schneefelder, die nicht betreten werden sollten, dankenswerterweise entsprechend markiert. Erst nachdem die Eisbären wieder weg waren, konnte die Arbeit fortgesetzt werden. Glücklicherweise kam niemand zu Schaden und am Ende waren die Speicherkarten der vielen Digitalkameras gefüllt mit preisverdächtigen Bildern.
Über allem schwebt majestätisch der Fesselballon
Auf und an der Scholle werden verschiedene Eigenschaften vom Meeresboden bis in mehrere Kilometer Höhe untersucht. Zum Beispiel nehmen zwei Biologinnen Proben vom Grund und suchen darin nach Tieren und anderen Lebewesen. Direkt unter dem Eis wird mit einem Tauchroboter unter anderem analysiert, wie viel Sonnenlicht durch das Eis dringt. Über allem schwebt majestätisch der TROPOS Fesselballon, mit dem Wind, Luftfeuchtigkeit und Temperatur in verschiedenen Höhen gemessen werden. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit den Forschungsflugzeugen Polar 5 und 6, die bei guter Witterung ebenfalls unsere Scholle überfliegen. Für eine kurze Pause, für das Laden von Laptops, hauptsächlich aber als Notfall-Schutzraum steht ein paar hundert Meter vom Schiff die sogenannte „Tomate“, ein knallrotes, rundes Häuschen, dass schon vom Weiten gesehen werden kann.
Die optische Unterscheidung der einzelnen Forscherinnen und Forscher ist nur über diverse Accessoires und Namensschilder möglich, denn modisch ist der neueste Trend der vom AWI gestellte rote Schneeanzug mit schwarzen Schneestiefeln. Morgens muss man hoffen, dass schlaftrunken niemand den falschen Anzug oder die falschen Stiefel genommen hat, da sich in der Umkleidekabine die Kleiderhaken unter der Last der vielen Anzüge fast biegen. Vor den Kammern stehen die Stiefel, als warteten alle auf den Nikolaus.
Ein Vorteil ist die nie untergehende Sonne, weshalb theoretisch ständig gearbeitet werden kann, was sich vor allem in der ersten Aufbauphase sehr bezahlt gemacht hat. Auf ein gebräuntes Gesicht braucht man allerdings nicht zu hoffen, da die ganze Region von Anfang an unter einer tiefen und dichten Wolkendecke lag, am Dienstag gab es die erste kurze Lücke in den Wolken. Trotzdem ist man den dunklen Rollos der Kammern dankbar – sich ins Bett zu legen, während draußen die Sonne lacht, ist am Anfang eine schwierige Umstellung. Nach einem Tag Arbeit auf der Scholle ist man allerdings so müde, dass Einschlafen kein Problem darstellt.
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