Polarstern-Blog

Landgeologie

Von Yani NajmanSchon immer habe ich davon geträumt in der Antarktis zu arbeiten, ganz besonders auf Grund ihrer sagenhaften Schönheit und Abgeschiedenheit, sowie ihrer besonderen Bedeutung für unseren Planeten in Zeiten des Klimawandels. So würde ein Abschmelzen des westantarktischen Eisschilds einen globalen Meeresspiegelanstieg um 3-5 m bedeuten. Die Konsequenzen sind offensichtlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Großstädte nur knapp über dem Meeresspiegel liegen.

Geologische Feldarbeit unter der Beobachtung der örtlichen Bewohner. Foto: Yani Najman
Geologische Feldarbeit unter der Beobachtung der örtlichen Bewohner. Foto: Yani Najman

Schließlich bekam ich die Chance in der Antarktis zu arbeiten und zwar als Teil der Arbeitsgruppe von Cornelia Spiegel und Max Zundel (Universität Bremen), im Zuge einer Expedition unter Beteiligung von mehreren Instituten, unter der Führung des Alfred-Wegener-Instituts und dem Fahrtleiter Karsten Gohl. Geplant war eine Fahrt mit dem deutschen Forschungseisbrecher Polarstern von der Südspitze Südamerikas in das Arbeitsgebiet des Amundsenmeeres, in der Westantarktis. Um die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels zu verstehen, ist dieses Gebiet ist von besonderer Bedeutung. Obwohl der westantarktische Eisschild um einiges kleiner als der ostantarktische Eisschild ist, scheint der Westen schneller abzuschmelzen. Vor allem liegt dies daran, dass die Unterseite des ostantarktischen Eisschildes auf Gestein gegründet ist, welches oberhalb des Meeresspiegels liegt. Im Gegensatz dazu, liegt der westantarktische Eisschild größtenteils unterhalb des Meeresspiegels auf und kann von unten durch relativ warmes Meerwasser zum Schmelzen gebracht werden. So zeigen gerade die Gletscher in dieser Region über die letzten Jahrzehnte hinweg hohe Rückzugsraten. Jedoch weiß niemand genau, ob diese Raten Teil eines langanhaltenden Wandels sind, der sich seit der letzten Eiszeit („Last Glacial Maximum“) vor ca. 18.000 Jahren vollzogen hat, oder ob erst kürzlich auftretende Veränderungen im Klima und in den Ozeanen für den Gletscherrückgang verantwortlich sind. Um dieser Fragestellung nachzugehen, traten mehr als 40 Wissenschaftler die Expedition PS104 am 8. Februar an.

Der Star der Expedition ist MeBo, ein revolutionäres Bohrgerät, welches es ermöglicht Sedimente bis zu 70 m unter dem Meeresboden zu erbohren. Diese Sedimente geben Aufschluss über vergangene Gletscherdynamik und Meerwassertemperaturen im Amundsenmeer. Ich jedoch bin Teil einer Gruppe, die vom Schiff per Helikopter ausgeflogen wird, um an Land zu arbeiten. Dabei hat unser Team zwei Ziele. Zum einen wollen wir Gesteinsproben sammeln, um an ihnen Expositionsalter zu bestimmen. Ein Expositionsalter ist der Zeitpunkt bei dem das Gestein vom Eis freigelegt, also exponiert wurde. Nimmt man Proben von mehreren Lokationen, kann die Geschwindigkeit des Gletscherrückzugs bestimmt werden. Zum anderen sollen gesammelte Gesteinsproben dazu dienen, die Abkühlung der Gesteine von der tieferen Erdkruste an die kalte Oberfläche über die Jahrmillionen nachzuvollziehen. Durch diese Analysen, können wir die Zeit, als sich das Land gehoben hat, bestimmen, was als eine der Grundvoraussetzungen für Gletscherbildung gilt. Somit lässt sich wiederum abschätzen, wann die Vereisung in dieser Region der Westantarktis einsetzte.

Das Pendeln zur Arbeit ist auch gar nicht so schlecht! Foto: Yani Najman

Nach einer etwas rauen Überfahrt durch die Drake Passage lag ein wunderschöner Fahrtabschnitt durch Eisberg-gesäumtes Wasser vor uns. Es folgte ein ausgiebiges Rettungstraining mit unserer Bergausrüstung an Deck und eine erneute Überprüfung unserer generellen Ausrüstung. Dann begann das gespannte Warten auf ein Schönwetterfenster, welches einen Landeinsatz mit dem Heli erlauben würde. Endlich war es soweit: mit großer Erwartung zwängte ich mich in meinen Überlebensanzug und watschelte wie ein Michelin-Männchen in den Heli. Der Flug war so außergewöhnlich schön, als wir über dem endlosen Eis in die Höhe stiegen, dass ich wie verzaubert war. Leider endete der erste Anlauf das Festland zu erreichen in einer Enttäuschung – wir umkreisten eine Felswand, die zum Greifen nah war. Aber schlussendlich fand Martin, unser Pilot, keinen geeigneten Landeplatz, und so mussten wir mit leeren Händen zum Schiff zurück kehren.

Das erste Erfolgsergebnis ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Ich glaube, ich werde niemals den Moment vergessen, als die Kufen des Helis am Grund aufsetzten und ich realisierte, dass ich nun antarktisches Festland erreicht hatte. Mein Traum ging in Erfüllung. Es war überwältigend. Den schneidenden Wind nahm ich kaum war, als ich in einiger Entfernung vom Landeplatz, den Anblick von Pinguinen, Robben und Eisbergen einsog. Dann ertönte das Geräusch der Heli-Rotoren in der Stille, während der Heli langsam in der Ferne verschwand. Es folgte ein Moment der Beklommenheit, wir waren nun wirklich alleine. Zurückgelassen, einzig mit einer umfassenden Überlebensausrüstung und nur über Satellitentelefon mit Polarstern verbunden. Aber dieser Moment verging schnell, da Max, als erfahrenerer Antarktisgeologe, mich zurück in die Wirklichkeit der bevorstehenden Arbeit brachte; und so war ich bald wieder in der gewohnten Routine der Feldarbeit.

Autorin Yani. Foto: Max Zundel

Doch wie ist es um unseren Erfolg bestellt? Wir haben noch drei weitere Expeditionswochen und wie es in der Antarktis üblich ist, bestimmen die natürlichen Gegebenheiten, nicht die Wissenschaftler, über den Grad des Erfolgs bzw. Misserfolgs. Mittlerweile hat unsere Landgeologie-Gruppe erfolgreich Proben gesammelt um den Rückzug der Gletscher zeitlich nachzuvollziehen. Doch werden wir auch erfolgreich Proben sammeln, um die Hebung des Landes und die beginnende Vereisung bestimmen zu können? Diese Gesteine liegen reizvoll nah im Westen unserer momentanen Position, aber gerade so außerhalb der maximalen Helikopterreichweite. Ob das Schiff nach Osten abdreht, weg von unserem Zielgebiet, oder nach Westen, hängt von den Meereisgegebenheiten und den Bewegungsrichtungen der Eisberge ab. Die Eisberge sind nun die Herren unseres wissenschaftlichen Schicksals.

Von Yani Najman (Universität Lancaster)

Die mobile Version verlassen