Von Kevin Küssner |
Viele Freunde und Verwandte von uns haben sicherlich schon so einiges von den Fahrten mit Polarstern gehört. Berichte über das Schiff, die Beprobungen und die atemberaubend schöne Landschaft der Antarktis. Doch den meisten Aussenstehenden fällt es schwer, sich das Leben und den Arbeitsalltag auf einem Schiff vorzustellen. Deshalb möchte ich hier versuchen, diese aus Sicht der Wissenschaftler an Bord zu schildern.
Das erste was viele heutzutage überraschen dürfte ist, dass man hier an Bord nur sehr eingeschränkt Zugang zum Internet hat. Facebook oder Twitter lassen sich in Regionen, in denen man mit dem Smartphone nicht mal eine Telefonverbindung zustande bekommt, nicht erreichen. Sämtliche Kommunikation des Schiffes führt über Satteliten, weshalb die Bandbreite stark begrenzt ist. Es kann allerdings auch etwas befreiendes haben, einfach mal nicht erreichbar zu sein. Eine weitere Einschränkung ist der Platz. Zwar bietet die Polarstern genug Raum um sicherlich 10 Minuten herumzulaufen und eine Person zu finden die man sucht, doch ist der Platz generell eher begrenzt. Und wie überall, wo viele Menschen auf beengtem Raum zusammenkommen, müssen auch hier bestimmte Regeln zum Zusammenleben gelten. Der Tagesablauf auf einem Schiff ist klar strukturiert und folgt einer gewissen Routine. Wo man im Alltag spontan entscheiden kann, wann man eine Pause einlegen und etwas essen möchte, wäre eine solche Freiheit auf einem Schiff logistisch nur schwer zu erreichen. Zwar kann man immer für einen kleinen Imbiss auf den Kühlschrank zurückgreifen, doch wo mehr als 90 Personen gleichzeitig bekocht werden, sind die Mahlzeiten meist ein limitierender Faktor, die den Tagesablauf stark beeinflussen. Frühstück gibt es um halb Acht, das Mittagessen um halb Zwölf und das Abendessen kann man um 17:30 Uhr zu sich nehmen. Dazu kommen optionale Kaffeepausen um halb zehn und um 15:30 Uhr, letztere sogar mit Kuchen. Natürlich lassen sich diese Zeiten nicht immer mit der wissenschaftlichen Arbeit vereinen, so dass man entweder in Schichten essen, oder einfach etwas für später zurückstellen lassen kann. Der Arbeitsalltag richtet sich meist am Wetter, dem Gebiet und dem zu fahrenden Gerät aus. Auch hier gibt es oftmals ein Schichtsystem, welches je nach Aufgabengebiet und Belastung in seiner Länge variieren kann. Das heißt aber auch, dass, wenn die Station im Morgengrauen erreicht wird, man auch mal zu unüblichen Zeiten aufstehen muss. Auf Station angekommen, wird zusammen mit der Mannschaft das Gerät ausgebracht und wieder eingeholt. Ist das Gerät wieder an Deck, beginnt meist die eigentliche Arbeit für uns Wissenschaftler. Nach dem Entnehmen von Sediment- oder Wasserproben, werden diese geteilt oder beprobt, beschriftet und eingelagert. Je nach Art der Beprobung kann diese Arbeit mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Auch das Auslesen und Auswerten der Messdaten, welche von den Sonden beispielsweise am Multicorer oder der CTD (eine Sonde zur Messung von Leitfähigkeit, Temperatur, Salz- und Sauerstoffgehalt sowie weiteren Parametern) gesammelt werden, ist nicht unbedingt trivial und nimmt ebenfalls eine Menge Zeit in Anspruch.
Doch besteht eine Ausfahrt mit der Polarstern nicht nur aus Essen und Arbeiten allein, denn je nach Arbeitsgebiet gibt es kürzere oder längere Pausen in denen das Schiff zur nächsten Station fahren muss. Diese Zeiten können individuell genutzt werden. So trifft man sich entweder im roten Salon auf einen Schwatz oder ein Kartenspiel, entspannt in der schiffseigenen Sauna oder Solarium, geht eine Runde im „Mini“-Pool schwimmen oder findet sich zum Workout im Fitnessraum ein. Wer nach all der Arbeit eher ein wenig Abstand braucht, kann sich auf seine Kammer zurückziehen und etwas Schlaf nachholen. Die Kammer ist meist der auch einzige Raum, in dem man etwas Privatsphäre genießen kann.
Da die Arbeitsabläufe generell sehr durchstrukturiert sind und sich immer wiederholen, beziehungsweise gleichen, kommt es häufig vor, dass die Erinnerungen an einzelne Tage miteinander verschwimmen und man schon nach kurzer Zeit den Überblick verliert, welchen Wochentag man eigentlich gerade hat. Dies ist ein weit verbreitetes Phänomen unter Wissenschaftlern, welche sich jedoch mit einer einfachen und pragmatischen Lösung behelfen. So lassen sich die meisten Tage anhand des Essensplans oder des Shops rekonstruieren. Donnerstags ist Seemannssonntag, dann gibt es Eis zum Nachtisch, Freitags ist im Allgemeinen Fisch-Tag, Samstag gibt es Eintopf und Sonntags Braten sowie ebenfalls Eis zum Nachtisch. Zusätzlich kann man anhand der schöneren Servierten den Sonntag vom Donnerstag unterschieden. Für die Zeit von Montag bis Mittwoch müssen dann schon die spezifischen Einkaufstage des Shops herhalten. Am Montag gibt es Chips und Süßigkeiten, Dienstags Limonade und Wasser und am Mittwoch Kosmetika zu kaufen. Anhand dieser Merkmale kann man sich dann entlang seiner Erinnerungen hangeln und diese dem jeweiligen Wochentag zuordnen.
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