Der Klimawandel beeinflusst den Arktischen Ozean besonders stark durch steigende Lufttemperaturen und schrumpfendes mehrjähriges Meereis. Besonders in der Framstraße hat das nordwärts fließende atlantische Wasser den Arktischen Ozean über die letzten zwei Jahrzehnte erwärmt, das Eis zum Schmelzen gebracht und die im Eis wohnenden Organismen beeinflusst. Wir wollen herausfinden, welche Konsequenzen diese Veränderungen mit sich bringen für unterschiedliche Organismen und verschiedene Stufen des Nahrungsnetzes, wie beispielsweise Phytoplankton, Eisalgen und Zooplankton. Sechs Wissenschaftler sind auf dieser Expedition für die biologische Feldarbeit verantwortlich und arbeiten interdisziplinär an dem Projekt AMICA (Arctic Marginal Ice Zone Community Assessment), welches sich mit arktischer Biodiversität, Produktivität und Nahrungsnetz-Interaktionen befasst. Unser Team besteht aus Wissenschaftlern der Universität Bremen, des Alfred Wegener-Instituts sowie der Universität der Algarve (Portugal) unter der Leitung von Dr. Holger Auel (Uni Bremen).
Am Mittwoch, dem dritten Tag unserer Reise, haben wir bereits eine „Test-Station“ durchgeführt, um die Funktionstüchtigkeit unserer Geräte zu testen. Das Team hat die verschiedenen Planktonnetze am Abend vorher vorbereitet. Wir nehmen Proben aus der gesamten Wassersäule mithilfe eines Multinetzes, um kleine Organismen, wie Ruderfußkrebse zu fangen. Das Bongonetz wird hinter dem Schiff hergezogen, um größere Zooplanktonarten, wie Flohkrebse und Krill, zu fangen. Beide Netze haben nicht nur hervorragend funktioniert, sie haben ebenfalls bereits Hunderte für uns interessante Krebstiere gefangen. Ein perfekter Start der Expedition! In der Arktis, insbesondere in der Framstraße, treffen zwei Meeresströme aufeinander: der Westspitzbergenstrom mit wärmerem atlantischen Wasser vermischt sich mit kaltem polaren Wasser des Ostgrönlandstroms. Mein wissenschaftliches Projekt beschäftigt sich mit einer Gattung planktischer Flohkrebse, Themisto. Unter dem Mikroskop sehen diese Krebstiere spektakulär aus und haben mit ihren riesigen Augen sogar den Film ‚Alien‘ inspiriert!
In der Framstraße kommen drei Arten vor, Themisto libellula, welche eher in polarem Wasser vorzufinden ist, T. abyssorum und T. compressa, die mit der atlantischen Strömung assoziiert sind. Die Tiere sind gefräßige Räuber, schnelle Schwimmer und sehr robust, also perfekt um sie an Bord in Aquarien zu halten und Experimente durchzuführen. Ich halte die Flohkrebse bei verschiedenen Temperaturen. Mich interessiert, wie sich die unterschiedlichen Arten
durch die Änderung ihrer Genaktivität an sich ändernde Temperaturen anpassen. Ein besseres Verständnis der Ökologie der verschiedenen Arten ist notwendig, um die Veränderungen im Zooplanktonvorkommen grundlegend nachzuvollziehen. Mit Fütterungsexperimenten werde ich testen, welche Art welcher Beute bevorzugt und ob Jungtiere und Ausgewachsene verschiedene Nahrung zu sich nehmen.
Am Freitag haben wir Spitzbergen erreicht und somit war wieder Land in Sicht. Als wir früh morgens durch den Isfjorden langsam auf Spitzbergens Hauptstadt Longyearbyen zuliefen, standen wir alle draußen, um die beeindruckenden, von der Sonne hell erleuchteten Gletscher in der Ferne zu bestaunen. Massive, kahle Berge, die von Gletschern über Jahrtausende geformt wurden, verschwanden im Nebel. Hier und da glitzerte Schneefelder aus dem Nebel hervor. Der Anblick mancher einsamer Hütten inmitten der baumlosen Landschaft ließ uns nachdenklich werden, wie es wohl sein muss, in so einem abgelegenen Flecken dieser Erde zu wohnen. Nachdem ich vor sieben Jahren ein paar Monate in Longyearbyen verbracht hatte, verglich ich im Geiste die Erinnerungen an diesen besonderen Ort mit dem, was ich im Morgendunst sah. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff nahm dem Anblick der nördlichsten Ortschaft etwas den Charme: die Vorstellung von der Masse an
Touristen, die die örtliche Bevölkerung für einen Tag fast verdreifacht, bedrückte mich ein wenig. Lasst uns hoffen, das Spitzbergen von dem explodierenden Trend des Massentourismus verschont bleibt!
Ein paar Stunden später verließ die Polarstern den Fjord, während die Küste mit ihren Bergen und Gletschern vorbei zog, bis wir das russische Mienendorf Barentsburg passierten und damit Spitzbergen hinter uns ließen. Auf dem Weg wurden wir vom eleganten Eissturmvögeln und tollpatschigen Papageitauchern, mit ihren bunten Schnäbeln, begleitet. Mit vielen neuen Eindrucken im Kopf gingen wir an diesem Abend früh zu Bett, um für die nächtliche Stationsarbeit ausgeruht zu sein, neugierig was die nächsten Netze an neuen Lebewesen bringen werden.
Charlotte Havermans, Uni Bremen (übersetzt von Natalie Prinz)
