(…) Zwei weitere Stunden werde ich also noch auf die Folter gespannt. Ob uns der Marine Snow Catcher diesmal endlich die erste Flocke Meeresschnee zu Tage befördert hat? Ich bemühe mich um Geduld …
Wäre es nicht fantastisch, wenn wir von Zeit zu Zeit ein Leben wie die Tiefseetiere am Grund des Pazifischen Ozeans führen könnten? Gleich dem Meeresschnee würden Wiener Schnitzel, knusprige Schollenfilets, frischer Espresso und Schokoriegel aus dem Himmel auf uns herabrieseln, und wir müssten nur noch die Münder aufsperren beziehungsweise die Hände aufhalten. Bei diesem Gedanken wird mir plötzlich bewusst, dass sich unser Leben auf der SONNE in Sachen Nahrungsbeschaffung eigentlich gar nicht mehr sonderlich vom Schlaraffenland der Borstenwürmer und Seegurken unterscheidet. In der Schiffskombüse werden wir täglich morgens, mittags und abends sowie zur Kaffeezeit kulinarisch vollumfänglich aufs Beste versorgt. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Abwechslung und Ästhetik die Buffets zusammengestellt sind. Aus begrenzten Zutaten viel zu machen – darin besteht die Kunst der Köche unserer SONNE. Um einen Blick hinter die Kulissen zu erhaschen, habe ich mich daher am letzten Samstag zu nächtlicher Stunde mit den beiden Köchen Mario Becker und Lars Prater in der Küche verabredet. Zeitsprung zurück in die Vergangenheit: Um unsere tägliche Portion Meeresschnee zuzubereiten, beginnt der Arbeitstag von Mario und Lars nicht gerade um eine wirtliche Uhrzeit: 03:45 h. Mein ursprünglicher Plan, die beiden als stiller Beobachter zu begleiten und zu interviewen, wird schnell von der Realität des Küchenalltags eingeholt. Bevor ich mich versehe, haben mir die beiden eine schwarze Kochschürze angelegt.
Schnell wird klar: Hier herrscht ein strenges Zeitregiment. Die ersten ausgehungerten „Tiefseetiere“ treffen schließlich um 7 Uhr in der Messe ein. Während Lars zwei Paletten Eier zusammen mit Mehl und mannigfaltigen Getreidesamen in knusprige Frühstücksbrötchen verwandelt, ist Marios Kopf über einen dampfenden Kochtopf gebeugt. Entsprechend der Seemannstradition gibt es jeden Samstagmittag Eintopf – und dieser möchte für ausgiebige Gaumenfreuden schließlich schon einige Stunden vorher angesetzt werden. Noch ein weiteres kulinarisches Bordritual hat sich schnell unter den Wissenschaftler*innen herumgesprochen. Jeden Donnerstag und Sonntag gibt es zum Nachtisch köstliche maritime Schneeflocken: Speiseeis! Je nach individueller Vorliebe verziert mit Schlagsahne und Schokostreuseln. „Für jede Woche erstellen wir uns einen Plan, der aber mit fortgeschrittener Seereise immer wieder an den Zustand unserer Nahrungsmittel angepasst werden muss. Gerade das Gemüse gilt es regelmäßig zu kontrollieren, um es bei Bedarf schnell zu verarbeiten“, erklärt mir Mario, erster Koch auf der SONNE, während er im Kühlraum prüfend eine Tomate in den Händen hält. „Anhand der Art und Weise, wie die Kartons aufgerissen sind, erkenne ich sofort, welche Lebensmittel benutzt und kontrolliert wurden“, erläutert Lars, seines Zeichens zweiter Koch auf dem Forschungsschiff. Faszinierend, wie sich hier im Team eine eigene nonverbale Sprache entwickelt hat, um Arbeitsabläufe effizient zu beschleunigen. Dank der Stippvisite im eisigen Kühlraum haben sich auch die Augenlider meiner Lebensgeister wieder ein Stück weit geöffnet. Zum Glück, denn die Zeit schläft nicht. Schon 06:13 h! Die Anweisung vom Chefkoch: Brötchen schnell aus dem Ofen holen und zusammen mit Rührei, Käse- und Wurstplatte, Müsli und Marmelade fürs Auge einladend auf dem Buffet platzieren… – in diesem Moment werde ich jäh aus meiner Reise in die Vergangenheit gerissen. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Sophia und Zandra ziehen behutsam das untere Segment aus dem Snow Catcher hervor. Bevor ich den beiden nun ins Labor folge, um die heutige Ausbeute an Meeresschnee zu begutachten, möchte ich an dieser Stelle – auch im Namen aller Wissenschaftler*innen – ein großes Dankeschön an das gesamte Küchenpersonal senden: unsere beiden Köche Mario und Lars, der Stewardess Martina Tober, sowie ihren männlichen Kollegen Alexander Vogt, Sven Kroeger und Jinghao Yan!
Dem Blick durch die transparenten Seitenwände folgt Ernüchterung: Auch die heutige Probenahme enthält keine einzige Flocke Meeresschnee. Da ich Ihnen aus der zirkulären Zeitspirale schreibe, kann ich bereits vorwegnehmen, dass auch alle weiteren Einsätze des Snow Catchers bis zum Abschluss der Expedition nicht von Erfolg gekrönt waren. Aber gerade dies gibt uns einen wertvollen Einblick in eine der Eigenarten wissenschaftlicher Forschungsarbeit. Bei experimenteller Feldarbeit in unberechenbarem Terrain wie dem Pazifischen Ozean gibt es keinerlei Garantie für eine „erfolgreiche“ Probennahme. Wahre Pionierarbeit im Dienste der Wissenschaft beinhaltet immer auch das Risiko, keine unmittelbar verwertbaren Arbeitsergebnisse zu generieren – und somit auch die Notwendigkeit, psychologische Drucksituationen verarbeiten zu können, wenn alle Kolleg*innen um einen herum eine erfolgreiche Probe nach der anderen aus dem Wasser ziehen. Da die begrenzte Effizienz beim Einsatz von Marine Snow Catchern bekannt ist, haben sich Sophia und Zandra für ihre Forschungstätigkeit auf der SONNE vorausschauend einige Annex-Studien zurecht gelegt: „Zum einen haben wir an einigen Stationen das im oberen Segment des Snow Catchers enthaltene Wasser stichprobenartig abgezapft und über ein 200 Mikrometer-Maschensieb filtriert“, erklären sie mir. „Aus diesen Proben konnten wir größeres Zooplankton gewinnen, das in unserem Department an der Universität Stockholm weiter untersucht wird.“ Interessant ist, wie die beiden Forscherinnen an dieser Stelle Verbindungslinien zu anderen, auf der SONNE vertretenen Forschungsbereichen knüpfen. „Dieses gefilterte Wasser reichen wir dann weiter an Robby Rynek und Philipp Klöckner vom UFZ Leipzig“, beschreiben sie die Zusammenarbeit. Die beiden Doktoranden vom UFZ-Department Analytik schicken das von Zandra und Sophia mit 200 µm vorfiltrierte Wasser noch durch ein 0,45 Mikrometer- Sieb um zu sehen, ob sich Mikroplastikpartikel mit einer Größe zwischen den 200 und 0,45 µm nachweisen lassen; diese Filterproben werden an Bord tiefgefroren, um sie später im Leipziger Labor auf Anzahl, Art und Größe der Polymere zu untersuchen.
Als zweiten Forschungs-Annex werden Sophia und Zandra mit ihren Stockholmer Kolleg*innen auch das Wasser im unteren Segment des Snow Catchers weiteren Auswertungen unterziehen. Dabei geht es den Wissenschaftler*innen um eine Bestandsaufnahme der Lebensgemeinschaften (Bakterien, Algen, Mikroorganismen,…) in diesem Bereich der Wassersäule. „Wir wenden hier zwei unterschiedliche Methoden an“, erläutert Sophia. „Zum einen zapfen wir mit einer Spritze 50 Milliliter aus dem Wasser ab und fügen dann zwecks Konservierung Lugol-Lösung hinzu.“ Der Vorteil besteht darin, dass es sich hierbei um eine sehr schonende Fixiermethode handelt – anders als bei toxischeren (z. B. auf Aldehyd basierten) Lösungen geht der Prozess mit einem sehr geringen Verlust an Zellmaterial einher. Außerdem färbt die Lugol-Lösung die Zellen braun ein, was später am Mikroskop ihre Quantifizierung erleichtert. „Parallel dazu haben wir das Wasser aus dem Snow Catcher noch durch ein 0,65 Mikrometer-Sieb filtriert und anschließend mit RNAlater-Lösung stabilisiert.“
Auch diese schonende Form der Fixierung bewirkt, dass ein Einfrieren der Proben in flüssigem Stickstoff entbehrlich ist und die genetischen Informationen bis zur späteren Analyse im Labor trotzdem kaum an Qualität und Quantität einbüßen.
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Darüber hinaus haben die beiden Doktorandinnen aus Stockholm noch ein WP2-Planktonnetz mit einer Maschengröße von 200 Mikrometern mitgebracht. Dieses eignet sich vor allem für das Einsammeln von größerem Plankton.
„Mit diesem Gerät haben wir meistens die Wassersäule beprobt, in der sich das tiefe Chlorophyllmaximum befindet, also in der Regel bei 130 Metern Tiefe“, erklärt Sophia. Im Schiffslabor ist sie nun dabei, die zu Tage beförderten Schätze am Mikroskop nach unterschiedlichen Spezies zu unterteilen. In den kleinen runden Plastiksegmenten ihrer Probeschale tummeln sich bereits diverse Fischlarven und Ruderfußkrebse.
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Im maritimen Ökosystem ist der Meeresschnee ein faszinierendes Phänomen. Er bringt Nährstoffe über mannigfaltige Wege und Umwege zu Orten, wo es kein Sonnenlicht gibt und er ist ein wesentlicher Grund, warum Leben in der Tiefsee überhaupt existieren kann. Gleichzeitig nimmt Meeresschnee eine Schlüsselrolle im globalen Kohlenstoffkreislauf ein. Seit Abermillionen Jahren nimmt er Kohlendioxid an der Meeresoberfläche auf und ist damit ein wichtiger Faktor, um die Temperatur auf der Erde zu regulieren und unseren Planeten kühl zu halten. Auftriebsströmungen am Meeresgrund transportieren einen Teil der Nährstoffe dann wieder zurück in die oberen Schichten der Wassersäule, wo sie von Phytoplankton genutzt werden und somit den Energiefluss in der ozeanischen Nahrungskette schließen.
(Meeres-)Schnee ist auch ein Bild mit starkem Symbolcharakter. In seiner Ästhetik liegt etwas Friedliches, Meditatives. Über der Wasseroberfläche faszinieren Schneeflocken mit ihrem unbeschwerten Flug Kinder wie Erwachsene in gleicher Weise. Doch auch diese Bastion der Unschuld beginnt zu bröckeln. Ganz aktuell fanden Forscher*innen in allen ihren Schneeproben, sowohl in den Bayerischen Alpen als auch auf menschenverlassenen Eisschollen der Arktis, überall mikrofeine Plastikpartikel. Auf unserer SONNE-Expedition wiederum ist der maritime Schnee für uns alle im Verborgenen geblieben. Er scheint vielschichtig, schwierig zu greifen. Seine langsame Drift durch die blauen Schichten braucht Zeit. Sein Wirken in der Tiefsee vollzieht sich abseits der natürlichen Spotlights und ist für die aktuelle Wissenschaft nach wie vor mit vielen Rätseln behaftet. Metaphern von Transformation und Verbindungslinien rieseln in meinen Kopf. Wo verlaufen in unserer Gesellschaft die unsichtbaren Partikelströme, die überlebenswichtige Kanäle des Austauschs und der Verwandlung zwischen verschiedenen Welten herstellen? Zwischen Menschen unterschiedlichen Alters, sozialen Schichten, zwischen den Generationen im Damals, Heute und Morgen? Wie driftet ökologisches Wissen vom Bewussten ins Unterbewusstsein, um sich nachhaltig zu verankern? Und wo ist unser gesellschaftliches Milieu ähnlich der Ozeane von Versauerung bedroht, mit dem Potential, die Fähigkeit des marinen Schnees, einer Überhitzung des Klimas entgegenzuwirken, drastisch einzuschränken?
