Die Erde wankt unter meinen Füßen. Doch ist es nicht mehr das Schiffsdeck inmitten des ungestümen Südchinesischen Meeres, das mein Gleichgewicht herausfordert. Breitbeinig wie ein Seemann beim Landgang kurve ich über die gelbe Landungsbrücke, die unsere SONNE mit der Singapurer Pier verbindet. Nach fünf Wochen Expedition auf hoher See haben sich die Vorzeichen vertauscht. Das Meer ist ruhig, das Festland schwankt.
Bildergalerie
Würde ich gemäß der in unseren Breiten vorherrschenden linearen Zeitvorstellung schreiben, dürfte ich Ihnen diese Zeilen wohl nicht in der Gegenwartsform übermitteln. Ein lineares Verständnis, das Zeit als unaufhaltsam fortschreitenden Strom begreift, beruhend auf einer strikten Aneinanderreihung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, würde eine rückblickende Schau verlangen. Ist jene erste Berührung mit dem Festland in der Werft von Singapur inzwischen doch schon wieder vier Tage her!
Bildergalerie
Anders verhält es sich hingegen, wenn wir es wagen, uns die Zeit als einen Kreis, Kreislauf oder zumindest als eine Spirale vorzustellen. Ein derartiges Denken, das von einer rhythmischen Wiederkehr von Ereignissen ausgeht, ist in unserer Kultur nahezu verlorengegangen. In vielen Naturreligionen und indigenen Kulturen ist eine zirkuläre, zyklische Vorstellung von Zeit hingegen ein elementar wichtiger Bestandteil. Ein Verständnis, wonach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verschmelzen, ist vor allem in traditionellen Gesellschaften beheimatet, in denen Gemeinschaft anders als in unserer stark individualistisch geprägten Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat. Nicht nur Gemeinschaft zwischen Menschen der gleichen Zeit, sondern auch im Verhältnis zu vergangenen und zukünftigen Generationen. Ein Mensch, der davon ausgeht, dass sich seine Taten nicht einfach in der Vergangenheit abstreifen lassen, dürfte zumeist auch verantwortungsvoller mit seiner Umwelt umgehen. Was vergangen ist, kommt wieder. Die unsere Forschungsreise überschattende „Plastik-Krise“ scheint daher geradezu nach einer Einbindung des zirkulären Zeitverständnisses in unseren linear geprägten Alltag zu schreien.
In diesem Sinne möchte ich Sie in meinen Blog-Beiträgen der nächsten Wochen somit in eine als gegenwärtig erlebte Vergangenheit entführen. Auf dass Sie in eine Reihe weiterer Forschungsuniversen eintauchen mögen, die ich mir im Laufe der letzten fünf Wochen erschließen durfte. So werde ich Ihnen von der Jagd nach plastikgetränkten Schneestürmen berichten, ebenso wie von futuristisch anmutenden Tiefseesonden, die Sedimente aus mehr als 5.000 Metern Tiefe in unsere Hände befördern. Aber nicht nur Plastik bezogene Forschungsfragen des MICRO-FATE Projekts möchte ich Ihnen auf diese Weise näherbringen. Ein besonderer Charme unserer Expedition „bestand-besteht“ im Neben- und Miteinander unterschiedlichster Arbeitsbereiche. Es sollen daher auch die Herausforderungen derjenigen Wissenschaftler*innen Beachtung finden, die von Deck aus ihren Blick nicht ins Blau des Pazifiks sondern gen Himmel richten, um Aerosolen und Treibhausgasen auf die Spur zu kommen. Und auch eine Exkursion in den Bauch der SONNE soll nicht fehlen, selbst wenn das Echo meiner Worte dort vom Lied der Maschinen übertönt werden könnte.
In diesem Sinne auf bald in der Vergangenheit.
Die Expedition ist zu Ende – das Abenteuer geht weiter.
