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Expeditionen

Himmlische Marionette(n) – Teil I

… unbeholfen tanzt sie durch den Himmel, an drei Schnüren baumelnd. Ditscht auf die zarten Wellen, mehr schlecht als recht, als versuchte sie einen Spaziergang über das pazifische Nass. Um es sich dann letztlich doch bequem zu machen auf dem Ozean, bäuchlings, … – gerade so, wie die Wissenschaftler es verlangen. So scheint es.

„Der Katamaran erlaubt es uns, bei langsamer Fahrt Plastik-Partikel aus dem Oberflächenwasser zu filtern, die größer als 335 Mikrometer sind“, erklärt Christoph Rummel, Doktorand am UFZ in Leipzig. „Optimal ist die Probenahme mit Blick auf die Belastung des Netzes sowie des gefilterten Wasservolumens bei etwa 4 Knoten, also sportliche Schrittgeschwindigkeit.“ Charmant, dass ich dem adretten Zeichen μ (Mikro) gerade hier auf unserer Pazifik-Expedition begegne. Geht sein Ursprung doch passenderweise auf eine ägyptischen Hieroglyphe zurück, die eine Wellenlinie beschreibt: dem damaligen Symbol für Wasser. Dem Zustand der Wellenlinien wird auch in Christophs Laborbuch besondere Bedeutung beigemessen. „Wir notieren bei jeder Katamaran-Fahrt die Seeverhältnisse, um eine Vergleichbarkeit der Probenahmen an verschiedenen Orten zu gewährleisten“, präzisiert der Diplombiologe. „Während aufgrund der geringen Dichte von Polymeren bei wenig Seegang grundsätzlich eine höhere Plastik-Konzentration an der Wasseroberfläche zu erwarten ist, kann dies bei rauer See aufgrund der damit verbundenen Verwirbelung nicht mehr ohne weiteres angenommen werden.“ Ferner halten die Wissenschaftler im Laborbuch noch die exakte Fahrtdauer sowie das jeweils gefilterte Wasservolumen fest – letzteres erfolgt mithilfe eines weißen Propellers, der in der Filteröffnung des Katamarans verankert ist, dem sogenannten Flow Meter.

„Natürlich können die Messergebnisse des Katamarans nur einen kleinen Teil des im Ozean befindlichen Plastiks abbilden“, relativiert Christoph und verweist zum einen auf aktuelle wissenschaftliche Annahmen, wonach ein bisher unterschätzter Anteil des im Ozean befindlichen Plastiks weder an der Oberfläche, noch in der Tiefsee, sondern in einer Wassertiefe zwischen 200-600 Metern vermutet werde. Darüber hinaus macht ein Blick auf den über die Wasseroberfläche schießenden Schlund des Katamaran-Filters deutlich, dass dieser mit seiner 30 cm x 15 cm großen Öffnung nur eine punktuelle Probenahme erlaubt. „Um repräsentativere Daten zu erhalten, lassen wir den Katamaran an jedem Stationstag daher zwei Mal  hintereinander fahren, jeweils 45 Minuten mit 5 Minuten Pause zum Wechsel des Filternetzes“, präzisiert der Doktorand. „Eines muss man sich aber immer vor Augen führen: Kein Messinstrument ist in der Lage, die gesamte Wassersäule lückenlos abzudecken. Der Einsatz des Katamarans ist daher im Zusammenspiel mit all unseren anderen Probenahme-Geräten zu sehen, die sich gegenseitig ergänzen.“ In der Tat steht den Wissenschaftlern an Bord der Sonne ein ganzes Orchester an Instrumenten zur Verfügung, die jeweils unterschiedliche Regionen der Wassersäule bis hin zum über 5.000 Meter tiefen Meeresgrund bespielen. Aber vom Marine-Snow-Catcher, Multicorer & Co werde ich ein anderes Mal erzählen.

Christoph beschäftigt sich mit Mikroplastik schon seit 2013. „Damals herrschte um das Thema bei weitem noch nicht der Hype wie heute“, blickt er zurück. „Es gab keinerlei Fördertöpfe oder EU-Gelder um eine diesbezügliche Doktorarbeit zu finanzieren; einige Professoren fanden das Thema zwar interessant, finanzielle Mittel waren hierfür aber nirgendwo eingeworben worden.“ Christophs Worte erinnern mich an die Bemerkung eines Wissenschaftlers auf der MIKRO 2018, einer internationalen Konferenz auf Lanzarote, die im letzten Jahr für eine gesamte Woche ausschließlich dem Thema Mikroplastik gewidmet war: „Heutzutage muss ein Forschungsantrag eigentlich nur das Wort Plastik enthalten, dann ist er schon so gut wie genehmigt.“ Andere Vorhaben, die mit Blick auf das aktuelle Medieninteresse noch ein Schattendasein fristen, sich jedoch viel besorgniserregenderen Entwicklungen maritimer Verschmutzung annehmen wollten, hätten es hingegen verdammt schwer. Die Aussage ist sicher überspitzt, nichtsdestotrotz bemerkenswert. Wie sagte der deutscher Schriftsteller und Lyriker Franz Friedrich Kovacs doch so schön: „Der Zeitgeist rockt seine Marionetten.“

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