Klima-Erlebnisrundgang auf Norderney (Teil 2)

Im Rahmen des Projektes WAKOS (Wasser an den Küsten Ostfrieslands) hat Lisann Frahm im Studiengang B.Sc. Geographie an der Universität Hamburg ihre Bachelorarbeit geschrieben. Darin hat sie einen Klima-Erlebnisrundgang auf der ostfriesischen Insel Norderney konzipiert und durchgeführt. Wir haben uns mit ihr über die Hintergründe unterhalten. Hier ist der zweite Teil unseres Gesprächs:
Wie haben Sie Orte auf der Insel identifiziert, die schon heute oder in naher Zukunft vulnerabel gegenüber Sturmfluten und Ereignisbündeln (z.B. wenn eine Sturmflut gleichzeitig mit anhaltendem Starkregen auftritt) sind?
Das zählt schon ein bisschen zum Herzstück meiner Arbeit, also Orte mit Inhalten zu verknüpfen. Allerdings muss ich dazu sagen, dass sich dieser Rundgang nicht nur mit Sturmfluten beschäftigt, sondern auch viele andere Klimawandeleffekte anspricht.
Klassischerweise habe ich mit einer Literaturrecherche begonnen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in meinem Zimmer saß – das muss so ziemlich genau vor einem Jahr gewesen sein – und auf knapp siebzig Literatureinträge in meinem Literaturverwaltungsprogramm geschaut habe. Ich fragte mich, wie ich das jemals alles sortieren, zusammenfassen und für mein Thema relevante Punkte herausfiltern sollte. Es fällt mir – nach wie vor – schwer, zu entscheiden, wann es genug ist und sich auf die Qualität seiner gefundenen Literatur zu verlassen. Ich habe dann immer „Angst“, etwas Wichtiges zu verpassen. Gleichzeitig konnte ich in fast jedem Werk irgendetwas Wichtiges für meinen Kontext erkennen. Noch dazu gibt es sehr viel Literatur in diesem Forschungsfeld.
Nach einer strukturierten Recherche konnte ich schon erahnen, dass beispielsweise Orte an der Inselnordseite relevant werden könnten. Allerdings gibt es natürlich wenig Literatur, die sich explizit auf den Raum Norderney bezieht, vieles bezog sich auf die Deutsche Bucht oder betrachtete einen größeren Maßstab.
Um konkrete Ort auf der Insel ausfindig zu machen, habe ich insgesamt neun Experteninterviews vor Ort durchgeführt. Dies bot die Gelegenheit, die aktuelle Studienlage mit lokalem Expertenwissen zusammenzuführen. Darauf habe ich meinen Interviewleitfaden ausgerichtet und auch ausgedruckte Karten der Insel mit in jedes Gespräch genommen, damit die Interviewpartner noch im Gespräch Orte markieren, Zusammenhänge kennzeichnen oder Notizen machen konnten.
Mit Fragen wie u.a. „Welche Art von Veränderungen haben Sie in den vergangenen Jahren/Jahrzehnten auf der Insel wahrgenommen und wie schätzen Sie diese zukünftig ein?“, „Sind einige Bereiche der Insel eher betroffen als andere und können Sie sagen, warum das so ist?“ und „An welchen Orten waren die Auswirkungen der Extremereignisse aus dem vergangenen Jahr besonders ausgeprägt?“ wollte ich erfahren, welche Bereiche der Insel von bestimmten Klimafolgen betroffen sind oder zukünftig sein könnten. Dabei tauchten natürlich prägnante Orte auf, wie zum Beispiel die Weisse Düne an der Inselnordseite, die in der Sturmsaison 2022 einen großen Sandverlust erlitten hat. Es wurden aber auch Orte benannt, auf die ich in meiner Literaturrecherche noch nicht gestoßen bin, wie zum Beispiel Orte auf der Inselsüdseite und die dazugehörigen Klimawandeleffekte.
Bildergalerie
Während der Auswertung der Interviews habe ich nach zwei Faktoren gefiltert: Zunächst habe ich die genannten Orte mit den dazugehörigen Inhalten dargestellt. Anschließend habe ich das gleiche mit den angesprochenen Klimawandeleffekten gemacht – da kam einiges zusammen. Mit diesem Material konnte ich beginnen, einzelne Stationen durch eine Routenführung zu verbinden. Zu den Orten kann ich noch sagen, dass einige Stopps etwas diffuser sind, beispielsweise dort, wo die Effekte des Klimawandels auf die Süßwasserlinse erläutert werden. Sie sind vielleicht nicht sofort im Raum sichtbar, aber ich glaube, im Rundgang wird deutlich, dass auch weniger offensichtliche Orte in Zukunft relevant sein werden. Ich konnte dafür in den Interviews wirklich spannende Informationen für den Kontext der Insel sammeln.
Welche Orte haben Sie für den Klima-Erlebnisrundgang ausgewählt?
Damit der Rundgang nicht zu lang wird, habe ich mich für die Hauptroute auf sechs Stopps beschränkt. Diese sind gut in zwei bis zweieinhalb Stunden abzulaufen, sprechen aber auch Orte an, die man etwas entfernt sehen kann. Außerdem beinhaltet mein Konzept noch ein paar Ideen für zwei optionale Stopps, sodass man beispielsweise auch direkt zur Abbruchkante an der Weissen Düne oder einem feuchten Dünental gehen könnte, um die Orte von Nahem zu sehen. Eine solche Route kann dann individuell länger werden, aber wenn man nur auf der Hauptroute bleibt, verpasst man inhaltlich natürlich nichts. Die Idee ist, dass der Rundgang als geführte Tour durch einen ortskundigen Guide veranstaltet wird. Man kann sich die Inhalte an den einzelnen Stationen aber auch auf dafür vorbereiteten Handzetteln durchlesen, die in einem Flyer als QR-Codes abrufbar sind.
Gestartet wird mit Blick auf den Westkopf der Insel, zum Beispiel an der Marienhöhe. Dann geht es an der Promenade entlang zur Nordseite bis zum Beginn der Schutzdünenkette. Von dort aus läuft man durch den Stadtteil Nordhelm zur Aussichtsdüne Alte Meierei. Hier bietet sich eine hervorragende Aussicht fast über die gesamte Insel. Man blickt bis zur Weissen Düne, sieht die feuchten Dünentäler in Richtung Osten, kann die Inselsüdseite und das Watt sehen. Von der Aussichtsdüne Alte Meierei aus führt der Rundgang zum wattseitigen Deich an der Surferbucht und durch die Südstraße zur Mühlenstraße als finalem Stopp.
Die Themen auf dieser Route sind sehr vielfältig und versuchen stets den Bezug zu verschiedenen Effekten des Klimawandels herzustellen. Es geht unter anderem um Küsten- und Inselschutz, um Meeresspiegelanstieg, das Windklima- und Sturmflutentwicklung, aber auch um die Effekte von Hitze, Trockenheit und Starkregen auf Menschen und Natur. Durch die Verknüpfung dieser Themen mit Orten auf der Insel werden Klimafolgen sichtbar und erlebbar. Auf diese Weise fällt es Menschen leichter, den Klimawandel und seine Folgen konkret anhand von Orten in seinem Alltagsumfeld verstehen zu können – so die Hoffnung des Rundganges.
Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Wahrnehmung von Gefahren für das Ausmaß von Handlungen, hier im Sinne von Anpassungshandeln, entscheidend ist, steht als Leitgedanke über dem Konzept und ist auch eine seiner Stärken, finde ich. Dazu gibt es unter anderem Veröffentlichungen von Frau Prof. Ratter und ihrem Team. Während des Rundganges werden neben einem offenen Austausch auch immer wieder mögliche Handlungsoptionen angeregt. Orte wie die Mühlenstraße zeigen zusätzlich Beispiele für gelungene Anpassungsmaßnahmen, in diesem Fall auf kommunaler Ebene.

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