Beitrag von Jana Kotzerka, mit Fotos von Martin Gottschling, Jana Kotzerka und Dagmar Cimiotti, Dachverband Deutscher Avifaunisten e.V. (DDA)
Seevogelmonitoring in der östlichen deutschen Ostsee mit dem Forschungsschiff „Ludwig Prandtl“
(21.-30.03.2022, Teilnehmer: Dagmar Cimiotti, Katharina Fließbach, Jana Kotzerka, Martin Gottschling, Kai Borkenhagen)
Fünf Wissenschaftler vom DDA haben im März 2022 mit dem Forschungsschiff „Ludwig Prandtl“ eine 10-tägige Monitoringfahrt in der östlichen deutschen Ostsee durchgeführt, um die Frühjahrsverteilung von Seevögeln in diesem Gebiet zu erfassen. Die Erfassungen waren Teil des vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) finanzierten Projektes „Erfassung und Bewertung von Seevögeln in der deutschen Nord- und Ostsee und Erarbeitung von Trends und Indikatoren (MarBird)“.
Auf der Fahrt in die Pommersche Bucht östlich von Rügen und die Gewässer westlich von Rügen bzw. nördlich des Darß wurden die Seevögel und Meeressäuger nach der international standardisierten Seabirds at Sea-Methode (SAS) erfaßt. Mit dieser Methode erhält man Informationen zur Anzahl der einzelnen Arten und zu deren Verteilungsmustern. Die gesammelten Daten bilden die Grundlage für Bewertungen im Rahmen verschiedener Richtlinien und Konventionen (EU Vogelschutzrichtlinie, Meeresstrategierahmenrichtlinie, HELCOM).
Auf diesen regelmäßig durchgeführten Frühjahrsfahrten stehen besonders die Meeresenten und Seetaucher im Fokus. Eis-, Trauer- und Samtenten brüten in der Arktis und in Skandinavien, überwintern aber in großen Zahlen in der südlichen Ostsee. Von 1992-1993 bis 2007-2009 haben die Überwinterungszahlen der Eisente in der Pommerschen Bucht, eines der drei Hauptüberwinterungsgebiete in der Ostsee, um 77 % abgenommen (Skov et al. 2011). Um den Gründen für die starken Bestandsabnahmen auf die Spur zu kommen, werden die Meeresenten zusätzlich mit hochauflösenden Digitalfotos erfaßt. Mit der späteren Analyse dieser Bilder am Computer durch Kollegen aus Finnland sind Aussagen zum Geschlechterverhältnis und zum Jungvogelanteil der Meeresenten möglich, woraus sich Informationen zum Bruterfolg der Arten ableiten lassen. Diese Angaben dienen als Grundlage, um mögliche Ursachen für Bestandsveränderungen zu finden, und können auch als „Frühwarnsystem“ für kommende Veränderungen dienen. Sie sollen dabei helfen zu klären, ob die Ursachen der Bestandsrückgänge in den Überwinterungsgebieten in der Ostsee oder in den arktischen Brutgebieten liegen.
An den meisten Erfassungstagen der ersten Surveywoche herrschten gute Beobachtungsbedingungen mit wenig Wind und wenig Seegang. Es gab viel Sonnenschein und die Sicht war überwiegend gut bis befriedigend. Stellenweise gab es aber sehr diesige Sicht und Nebelfelder. In der zweiten Surveywoche konnten nur noch an einem Tag Erfassungen durchgeführt werden, da starker bis stürmischer Wind die geplanten Transektfahrten unmöglich machte.
Eisenten kamen nahezu überall vor, häufig in Paaren oder kleinen Gruppen. Es gab aber auch oftmals größere Ansammlungen von mehreren hundert Vögeln.
Sehr große Trupps mit mehreren tausend (bis teilweise über 20.000) Tieren wurden im Greifswalder Bodden (westl. vom Ruden), der Südostküste Rügens (Süd- und Nordperd), vor Kap Arkona und vor Usedom beobachtet.
Trauerenten wurden im gesamten Bereich der Pommerschen Bucht sowie im westlichen Greifswalder Bodden beobachtet, meist aber nur in kleineren Gruppen. Auf dem Adlergrund kamen sie nur in recht geringen Anzahlen vor. Auf der Oderbank waren sie häufiger und nahezu flächendeckend vertreten, aber ebenfalls meist nur in kleineren Anzahlen. Lokal traten sie aber auch in höheren Dichten mit Trupps von weniger als einhundert Tieren auf. Vor Usedom wurden auch größere Trupps an Trauerenten gesichtet. Nördlich Darß/Zingst kamen Trauerenten in sehr hohen Dichten und teilweise in großen Gruppen vor. Einen Schwerpunkt bildete der Plantagenetgrund.
Samtenten kamen besonders im Bereich des Adlergrundes, der Oderbank und vor Usedom vor. Meist traten sie in kleineren Gruppen von weniger als 20 Tieren auf. Gebietsweise waren ihre Dichten höher als die der Trauerenten.
Bergenten konzentrierten sich auf den Greifswalder Bodden und den Peenestrom, wo sie in Gruppen bis 1.000 Individuen auftraten.
Die Häufigkeit der Eiderente nimmt in der Deutschen Ostsee von Westen nach Osten ab. Erwartungsgemäß wurden in der Pommerschen Bucht nur sehr wenige Einzeltiere gesichtet. In den Gewässern nördlich Darß/Zingst wurden sie hin und wieder auch in kleineren Gruppen beobachtet.
Trottellummen bzw. Tordalken wurden im gesamten Untersuchungsgebiet in relativ geringer Zahl beobachtet. Tordalken waren dabei häufiger als Trottellummen. Sie kamen hauptsächlich vor der Ostküste Rügens (meist nicht sehr küstennah) und auf dem Adlergrund vor. Gryllteisten wurden fast ausschließlich auf dem Adlergrund gesichtet.
Seetaucher traten im gesamten Gebiet als Einzeltiere, aber auch in kleineren und teils größeren Gruppen auf. Der Schwerpunkt lag vor der Ostküste Rügens und am östlichen Ende Usedoms bei der Ansteuerung nach Swinemünde. Sterntaucher waren deutlich häufiger als Prachttaucher.
Ohrentaucher und Rothalstaucher hielten sich besonders im Bereich der Oderbank auf, kamen aber auch im Graben zwischen dem Adlergrund und der Oderbank vor. Ohrentaucher waren dabei die häufigere Art.
In den letzten Jahren wurden In der Pommerschen Bucht vermehrt auch Basstölpel gesichtet. Auf dieser Ausfahrt hingegen konnte dort nur ein Basstölpel (adult) beobachtet werden. Dieser hielt sich am südöstlichen Ausgang der Tromper Wiek relativ küstennah auf. Nördlich von Darß/Zingst wurden 7 Basstölpel beobachtet.
Kegelrobben wurden regelmäßig im Bereich um Sassnitz herum und am Eingang zum Greifswalder Bodden sowie vor Usedoms beobachtet. Dort wurden auch einzelne Seehunde gesichtet.
Vor Usedom, im Peenestrom und am westlichen Ausgang des Strelasunds kamen Seeadler in teilweise recht hohen Anzahlen vor.
Im Greifswalder Bodden hatte offensichtlich schon die Heringslaichsaison begonnen, was zu den sehr hohen Anzahlen von Eisenten und Kormoranen führte. Eisenten fressen den Laich der Heringe, Kormorane sind auf die ausgewachsenen Fische aus. Letztere wurden dort wiederholt in sehr großen Fressgemeinschaften von mehreren hundert Tieren beobachtet. Auch durch viele Angelboote zeigte sich der Start der Heringslaichsaison deutlich.
Diese Ausfahrt mit der “Ludwig Prandtl“ war durch das gute Wetter in der ersten Surveywoche sehr erfolgreich und die gesamte Pommersche Bucht mit den angrenzenden Gewässern wurde gut abgedeckt. Dies wäre ohne die Hilfe und Mitarbeit der Schiffsbesatzung nicht möglich gewesen. Wir möchten uns deshalb ganz herzlich bei Heiko, Marco und Detlef für die gute Zusammenarbeit und schöne Zeit an Bord bedanken! Unser Dank gilt ebenfalls dem Helmholtz-Zentrum Hereon, und besonders Volker Dzaak, für die Bereitstellung der „Ludwig Prandtl”!
