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Beitrag von Dr. Oliver Bothe, Abteilung Küsteneinflüsse und Paläoklima
Alle reden über das Klima. Wir reden über den Klimawandel, Klimakrisen, den Klimanotstand oder sogar über den Klimazusammenbruch. Aber was ist Klima? Das ist doch ganz einfach, werden viele sagen: Klima ist die Statistik des Wetters. Oder, wie der Nutzer MiceFearBoggis auf Twitter schrieb: “Wetter ist, wie Du aussuchst, was Du jetzt anziehst, Klima ist, wie Du Deinen Kleiderschrank auffüllst.”
Bereits Edward Lorenz – der mit dem Schmetterlingseffekt – stellte fest, dass wir keine rigorose Definition von Klima haben. Unzufriedenheit über diesen Zustand führte zahlreiche Natur- und Geisteswissenschaftler dazu, sich an einer Formulierung zu versuchen. Neben dem Wunsch, das ein Gegenstand der Wissenschaft klar greifbar sein sollte, gründen diese Versuche an einer Definition nicht zuletzt in der Überzeugung, dass Klimapolitik nicht erfolgreich sein kann, solange offen ist, was Klima überhaupt bedeutet.
Mit die jüngste Klima-Definition stammt von der Philosophin Charlotte Werndl. Ich las ihre Arbeit mit großem Interesse, aber irgendetwas störte mich. Insbesondere ihre bevorzugte Definition des Klimas über stabile Zustände regte meinen Widerstand. Dies war der Ausgangspunkt, der in der in EOS publizierten Meinungsäußerung mündete, der aber zwischendrin auch einen Versuch an einer längeren Arbeit beinhaltete.

Die Grundannahme war, dass Klima als Statistik des Wetters tatsächlich eine angemessene Definition sei. Dann wäre es nötig, klar zu formulieren, was Wetter und Statistik sei, um bei einer klaren Beschreibung des Klimas anzukommen. Betrachtet man detailliert, was Wetter ist, und berücksichtigt aber auch, was wir heute als Klimasystem beschreiben, so ergeben sich schnell zwei Probleme. Zum einen ist Wetter klassisch weitgehend als rein atmosphärisches Phänomen beschrieben, so dass erst einmal ein Weg gesucht werden muss, das Wetter über die Atmosphäre hinausgehen zu lassen. Zum anderen ergibt sich in klassischen Definitionen von Klima und Wetter augenscheinlich eine Lücke in den Zeitskalen von Wetter und Klima. In der Tat ist diese Lücke leicht zu füllen.
Allerdings ist der Versuch, eine Klimadefinition über Definitionen von Statistik und Wetter zu erreichen, ziemlich naiv. Es ist möglich, aber es vernachlässigt die Tatsache, dass Klima und Wetter durchaus fundamentale Unterschiede aufweisen. Wetter ist ein naturwissenschaftliches Konzept. Es ist etwas, dass wir jederzeit sehen können. Klima dagegen ist eine Beschreibung dessen, was uns umgibt. Über die Jahrhunderte hat sich der Begriff entwickelt und verändert. In der Tat ist er im Kern in unserem europäischen Kulturkreis verwurzelt. Andere Kulturen kennen das Konzept in dieser Form unter Umständen nicht oder vergleichbare Konzepte umfassen andere Teile des uns Umgebenden. Selbst in europäisch geprägten Diskussionen kann der kulturelle und zeitliche Kontext dem Begriff unterschiedliche Bedeutungen geben. Jede Erwähnung des Begriffs muss im Grunde hinzufügen, auf welche räumlichen und zeitlichen Ausdehnungen sie sich bezieht. Klima ist abstrakt im Vergleich zu Wetter.
Um Klima zu definieren, brauchen wir zwei klare Formulierungen. Eine muss das Grundkonzept erfassen, in das möglichst alle möglichen Ausformungen hineinpassen. Und dann ist es wünschenswert, wenn jede Erwähnung des Begriffs auch klar macht, auf welche Ausformung, das heißt welchen speziellen Fall des Klimas, sie sich bezieht.
Bothe, O. (2019): When does weather become climate? Eos, 100, doi:10.1029/2019EO131019


