Ausflug in die Kottasberge
Ein Beitrag von Peter Köhler (Glaziologie):
Nach 10 Tagen Schlechtwetterwarten starten wir, 9 Mitfahrer auf 6 Pistenbullis mit je 3 Anhängerschlitten, und einem Skidoo mit Nansenschlitten, am Mittwoch, den 24.11.2021, – bei schlechtem Wetter. Es hat ca. 20 Kn Wind, schlechte Sicht und keine Kontraste, d.h. Unebenheiten im Schnee, von denen es viele gibt, sieht man nicht, sondern spürt sie nur beim Überfahren. Da hat die Vorhersage nicht 100%ig gestimmt, aber noch länger warten ist keine Option, da am Samstag das nächste Sturmtief vorbeischaut. Bis dahin sollten wir möglichst weit weg von der Küste sein und das gute Inlandwetter genießen.
Alle Stationsbewohner verabschieden alle Fahrer mit Handschlag oder Umarmung, alle dick vermummt, Personen sind nur an der Mützenfarbe oder Größe erkennbar. Aber man fühlt sich tatsächlich ehrlich verabschiedet und die warmen Worte “passt auf euch auf” sind ernst gemeint. Zweimal höre ich “pass auf Deine Nase auf”, das einzige Stück Haut, das von mir zu sehen ist. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie vor der Kälte oder der Sonne schützen soll, aber nach einigen Tagen war klar, vorerst war die Sonne gemeint. Alle Hautpartien, die nicht geschützt oder eingecremt sind, sind in kurzer Zeit von der Sonne gestresst. Verständlich bei unseren täglichen 10h Touren – von ca 8-19:30 mit 90min Mittagspause. Durch die Schneeverwehungen tasten wir uns langsam Richtung Süden. Die Ansage ist, dass wenn die Skidoofahrer – Klaus, der Arzt und mein Mitfahrer und ich, den nächsten Bulli nicht mehr sehen, müssen wir den Abstand verkleinern. Die anderen 5 Bullis sehen wir sowieso nicht. In den Verwehungen in der Nähe der Station fällt dann auch gleich nach 5 min der Nansenschlitten an unserem Skidoo um, auf dem die neu zu setzenden Pegelstangen transportiert werden. Wir erfahren es zuerst über Funk, bevor wir selbst merken, dass was nicht stimmt. Zum Glück sind die Holzhalterungen, die die Stangen beisammenhalten, nicht defekt. Der Schlitten inkl. Aufbau wird tadellos funktionieren bis zum Ende aller zu setzenden Stangen, nur einer der Spannriemen reißt an Tag 5 und wir verlieren unsere Holzkiste kurzzeitig, was wir erneut über Funk erfahren.
Der 1. Tag ist anstrengend. Alle 500m müssen wir eine neue Pegelstange setzen, weil einfach keine Stangen zu finden sind, bzw. die vorhandenen viel zu klein sind, als dass sie im nächsten Jahr bei einem Schneezutrag von 1m pro Jahr noch zu sehen sein werden. Immerhin sind die aus Messungen der vorangegangenen Jahre extrapolierten Positionen top genau, und als dann endlich mal alte Stangen auftauchen, stehen sie alle an den von Olaf berechneten Positionen. Denn in der Nähe von Neumayer ist ja die jährliche Bewegung des Eises von ca 150m nach Norden zu berücksichten. Da die letzten Positionsmessungen 22 Monate alt sind, suchen wir nun quasi knapp 300m von den ursprünglichen GPS-Positionen entfernt – und auch noch 150m seitlich zur Fahrstrecke versetzt – unsere Stangen. Kein leichtes Spiel im Schneetreiben, und die erste alte Stange von nur ca 20cm Höhe findet auch promt Holger aus seinem Bulli heraus.

So vergehen die Tage und Kilometer. Am zweiten Tag gibt es noch ein wenig wolkenverhangenen Himmel, aber ab Tag 3 sehen wir nur noch Sonne und blue sky. Das Wetter ist 150km und mehr im Landesinneren überhaupt nicht mehr vergleichbar mit dem an Neumayer. Nachdem uns am ersten Tag die Sicht noch Probleme bereitete und auch unser Tageswerk aus 180 neugesetzten Bambusstangen durchaus etwas Einsatz und Durchhaltevermögen von uns verlangt, werden die folgenden Tage etwas ertragbarer. Wir haben nämlich nur 400 neue Bambusstangen mit auf Traverse – Gründe für diese geringe Menge sind mannigfaltig und im Detail selbst noch nicht komplett zu Ende aufgeklärt – die sollen bis zu den Kottasbergen in nicht ganz 400km Entfernung reichen. Daher reduzieren wir die Setzfrequenz bzw. erhöhen den Abstand zwischen zwei neuen Stangen ab Tag 2 von 500m auf 1000m. Somit sparen wir je Messpunkt ca 1min, eine kurze Zeit, die sich aber tagsüber deutlich aufsummiert und dadurch bemerkbar macht, dass wir abends nicht mehr als letzte im Camp ankommen (Tag 1: eine Stunde nach den Bullis…). Bei guten Schneebedingungen fahren wir vorweg und wir sind es, die Wartepausen einlegen müssen, damit der Bulli-Convoy uns einholt. Das ist jedoch nicht immer so, denn es kommt auch schlechte Wegstrecke, auf der wir nur noch vorwärtshumpeln, weil im harten Schnee viele unterschiedlich geformte Verwehungen, sogenannte Sastrugies, uns das Leben schwer machen. Als klar ist, dass wir so irgendwann mit Rückenschaden enden werden, oder das Material stark leitet, fahren wir hinter einem der Pistenbullis her, der für uns eine Spur schiebt. Die ist zwar nicht viel breiter als der Skidoo, aber hier ist wieder flottes Vorankommen möglich. Der Preis hierfür ist, dass wir wieder die letzten im Reiseverbund sind.

An Tag 3 tauchen erstmals die Kottasberge am Horizont auf. Endlich ein Fluchtpunkt fürs Auge, der nicht nur die bekannte weisse, flache Linie ist. Wir werden jedoch noch einen ganzen Tag fahren müssen, bis wir deren Fuß zu Mittag erreichen, und dort die erste größere Pause einlegen. Alle bisherigen Pausen waren diversen Defekten oder logistischen Aufgaben geschuldet: ein Hydraulikschaden, verrutschte Ladung wieder richten, wie bestellt ganze Schlitten oder Fässer mit Treibstoff an vereinbarten GPS-Koordinaten abstellen.
Die Kottasbergepause am Tag 5 rührt daher, dass danach in einem Tag und am besten in einem Rutsch eine Höhendifferenz von 1000m überwunden werden soll. Wir pausieren also auf ca 1450m Höhe – soviel Aufstieg haben wir während der Anfahrt von Neumayer bereits zurückgelegt – und einige nutzen den Nachmittag für einen Ausflug direkt an die Berge. Hier ist einer der wenigen Punkte, an denen man das Eis verlassen kann, und wieder festen Grund unter den Füßen hat. Witzigerweise sind die Bergspitzen der sogenannten Weigelnunataks für uns nur einen kleinen Spazierweg entfernt vom beheizten Bulli, und keineswegs eine alpine Wanderung. Nunataks nennt man aus den Eisschilden herausschauende Bergspitzen, die das Fliessen des Eises merklich beeinflussen. Auf der Bergspitze finden wir Messgeräte vom AWI und der Uni Dresden. Noch schnell eine Rutschpartie durch das Blaueistal nebenan und über den selbstgeschobenen Schnee-Highway zurück ins Camp, wo der Grill auf uns wartet. Fleisch genug, um wieder Kraft für Teil 2 der Reise bis nach Kohnen zu schöpfen.





