Vorbereitung der Fracht
Beitrag und Fotos von Ladina Steiner.
Juli 2021: Noch ein Monat bis zum Ablauf der Frist für die Fertigstellung der Seefracht mit Ziel Antarktis! Das scheint eine Menge Zeit zu sein…? Nun, beginnen wir von vorne. Ich bin Schweizerin, Geomatikingenieur und forsche auf dem Gebiet der Kryosphärenwissenschaften.
Juli 2021: Ich bin gerade von Finnland nach Deutschland umgezogen, um eine neue Postdoc-Stelle am Alfred-Wegener Institut (AWI) im Bereich Glaziologie anzutreten. Ich befinde mich in einem neuen Land, einer neuen Stadt und einer fremden Kultur mit wiederum anderen Covid19-Vorschriften. Es ist interessant den neuen Arbeitsplatz unter diesen Bedingungen kennen zu lernen… alles ist neu, und wenige sind vor Ort, die man fragen könnte. Also schreibe ich Dutzende Mails an alle möglichen Personen, die mir helfen können…wobei jede Person, der ich schreibe, mich auf mind. fünf weitere Personen verweist. Ich weiss, dass ich meine Fracht bis zum Ende des Monats fertig haben muss. Und, das ist ein grosses Plus, ich kenne mein Forschungsziel sehr genau (da ich den Forschungsantrag für mein individuelles Forschungsprojekt selber verfasst habe). Ich möchte zwei GNSS-Sensoren (Globale Navigations Satelliten Systeme) für ein Jahr auf dem Ekströmen-Schelfeis in der Antarktis, in der Nähe der deutschen Forschungsstation Neumayer III installieren. Mein Ziel ist es, automatische, kontinuierliche und simultane in-situ Daten zur Schneeakkumulation, -masse und -dichte zu erhalten, um Oberflächenmassenbilanzen besser bestimmen zu können. Allerdings weiss ich eine ganze Reihe von Dingen nicht, z.B.: Wo ist es interessant, die Sensoren zu platzieren? Sind bereits andere (GNSS-) Sensoren installiert? Wie kann ich meine Sensoren montieren? Wie könnte die Stromversorgung realisiert werden? Wie kann ich meine Daten nach Deutschland übertragen? Gibt es Referenzsensoren und -daten in der Nähe? Wo sind sie, was liefern sie, und wie oft? Wie viel Schnee fällt voraussichtlich in einer Saison? Welche Ausrüstung/Installationsmaterial ist vor Ort? Was muss ich organisieren? Wie kann ich mein GNSS-Equipment von der Schweiz nach Deutschland bringen? Woher bekomme ich Pläne und Informationen vom geplanten Installationsort? Und wer ist für was zuständig?

Das Beste zuerst: Es gibt einen optimalen Standort für die Installation meines Systems auf einem bereits bestehenden Schneehöhen-Sensormast in der Nähe des Spurenobservatoriums (Spuso) 2km südlich von Neumayer III. Ich merke schnell, dass viele verschiedene Leute zuständig sind und es wichtig ist mit allen möglichst frühzeitig Kontakt aufzunehmen. Die Glaziologen zum Beispiel wissen viel über das Schelfeis und die Bedeutung von Massenbilanzschätzungen der Oberfläche. Die Spuso gehört zur atmosphärischen Sektion des AWI, der Sensormast zur meteorologischen Sektion, und der Datentransfer nach Deutschland wird vom AWI-Rechenzentrum organisiert. Die Stromversorgung wird von den Atmosphärenforschern bereitgestellt, der Netzwerkanschluss von der Reederei (da Neumayer III offiziell als Schiff gilt). Informationen über den Mast und den Referenzsensor und -daten werden von den Meteorologen zur Verfügung gestellt. Angaben zu den vor Ort vorhandenen Gewindemassen und Bilder vom aktuellen Installationszustand werden vom Überwinterungsteam auf Neumayer III zur geliefert.
Während ich den gesamten Installationsaufbau im Detail plante, liess ich mich gegen Covid19 impfen, lernte die Stadt und das Essen (hauptsächlich Fisch) kennen sowie das AWI-Arbeitsumfeld mit sehr netten und hilfsbereiten Personen, sowie dem informativen Intranet. Dank des sehr hilfsbereiten Technikers der Abteilung Glaziologie gingen die Vorbereitungen der mechanischen und elektrischen Installation meines Systems gut voran. Ich kann mich darauf fokussieren, meine hochwertige Leica GNSS-Ausrüstung von der Schweiz nach Bremerhaven zu bringen. Allerdings gehört die Schweiz (wer hätte das gedacht) nicht zur EU, ganz im Gegensatz zu Deutschland… Ich kann also nicht einfach die beiden Empfänger, Antennen und das Zubehör in meinem Rucksack mit in den Nachtzug nehmen. Das muss korrekt in die EU eingeführt werden. Wichtiges Thema, aber völlig neu für mich! Das heisst, ich muss mich mit der Zolllogistik vom AWI und dem Hersteller (Leica Geosystems AG) in Verbindung setzen. Die Ausrüstung muss nicht nur für die Einfuhr in die EU verzollt werden, sondern auch für den Weitertransport in die Antarktis über Südafrika (Kapstadt).

Da beide Logistikabteilungen sehr hilfsbereit sind, werden die Dokumente schnell erstellt. Die Ausrüstung wird mit DHL versendet, so dass sie voraussichtlich zwei Wochen vor Ablauf der Frist für die Seefracht am AWI eintreffen soll. Der täglich aktualisierte Sendungsstatus zeigt jedoch seit vier Wochen (!) die gleiche Information: Die Sendung wartet in Köln auf die Einfuhr in die EU! Viele E-Mails werden geschrieben und Telefonate geführt von allen, die an dieser Sendung beteiligt sind. Doch die Mails und Telefonate versanden. Während die Sendung nicht vorankommt, wird der Termin für die Seefracht verpasst! Die alternative (teure) Option ist die Luftfracht einen Monat später. Hier wird gespoilert: Die Sendung kam vor dem nächsten Termin in Bremerhaven an und ich konnte die Sensoren konfigurieren und erfolgreich testen. Der Rest der Seefracht ist vorschriftsmässig vorbereitet, verpackt, gewogen und jedes einzelne Stück in der Packliste aufgeführt.
In der Zwischenzeit arbeitete ich mich durch das Expeditions-Interface-System (EIS). Ich gab meine persönlichen Daten an, bestellte und testete die Polarkleidung, nahm an der medizinischen Untersuchung teil und besuchte das Antarktis Umweltschutzseminar. Was ich gelernt habe? Eine ganze Menge! Aber auch, dass die Zeit schnell vergeht, viele unbekannte Aspekte zu berücksichtigen sind und dass ein Monat sehr sportlich ist für alle Vorbereitungen, die für die Feldarbeit in der Antarktis notwendig sind.
September 2021: Ich bin bereit für die Antarktis und sehr neugierig und gespannt 😊




