Sharing Geoscience Online!

Spontane Umfrage unter den Teilnehmern bei der Abschlussveranstaltung per Videokonferenz (Athanasios Nenes, Twitter)

Auch bei uns steht alles Kopf in Zeiten von Covid-19. Einige Expeditionen wurden abgesagt oder auf das nächste Jahr verschoben, andere stehen noch auf der Kippe, wieder andere werden logistisch nun viel aufwendiger und schwerer zu planen. Dieser Teil unserer Arbeit, also das Sammeln von Daten in den polaren Regionen, ist extrem durch die jetzige Lage beeinflusst. Deshalb ist es hier im Glaziologie-Expeditionsblog auch ein bisschen ruhig geworden in letzter Zeit.

Ein anderer wichtiger Teil ist aber die gewonnen Daten aufzuarbeiten und auszuwerten. Dies kann man mehr oder minder bequem auch zu Hause im Homeoffice erledigen, und da sitzen die meisten von uns gerade. Was da aber fehlt ist der Austausch, die Diskussion. Denn Wissenschaft findet zwar zum Teil im stillen Kämmerlein statt, aber die richtig guten Ideen entstehen doch meist in Diskussionen, in Seminaren, Arbeitsgruppentreffen. Dort muss man nämlich das komplizierte Konstrukt im eigenen Kopf beschreiben und ordnen, damit andere es nachvollziehen können. Das führt dann manchmal zum Abriss, wenn andere Schwachstellen aufdecken, aber in vielen Fällen eben zu Gemeinschaftsprojekten, die dann über Brücken mit anderen Gedankenbaustellen verbunden werden können. Diesen Prozess ins Virtuelle zu verlagern ist etwas woran wir uns gerade gewöhnen müssen. Video-Konferenzen gehören jetzt zum Alltag dazu. Das ist weniger spontan als die gemeinsame Kaffeepause oder die Kurz-Diskussion auf dem Büroflur, aber wir tasten uns heran.

Wichtig ist auch der Austausch über die Instituts- und Landesgrenzen hinaus. Deshalb sind wir nicht nur in den Polarregionen unterwegs, sondern nehmen auch oft an Tagungen teil. Letzte Woche hätte es eine Konferenz in Wien geben sollen, die jährliche Versammlung der European Geoscience Union (EGU). Das ist eine Großveranstaltung, bei der sich tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Woche lang in unterschiedlichen Kombinationen zu Vorträgen zusammenfinden, oder sich durch enge Gänge zwischen Posterwänden hindurchschlängeln und vor allem eins tun: Miteinander reden. Das ist natürlich in Zeiten von Covid-19 keine so gute Idee.

Also kein intensiver Austausch mit internationalen Kollegen? Doch, denn anstatt sie abzusagen wurde diese riesige Tagung ins Internet verschoben, und innerhalb kürzester Zeit haben die Veranstalter ein Konzept für Vorstellung und Diskussionen der Arbeiten im Netz erstellt. Das war anfangs schon gewöhnungsbedürftig, ein bisschen chaotisch, aber irgendwie hatte man danach auch das Gefühl man hat sich getroffen. Die Ergebnisse wurden in verschiedenen Formen ins Netz geladen, als Poster, Folien, oder als Video-Vorträge, und dann per Textchat und Kommentarfunktionen vorgestellt und diskutiert.  Alle Beiträge sind immer noch online:

https://egu2020.eu/sharing_geoscience_online/

„Umsonst und draussen“ sozusagen, für jede und jeden zugänglich. Ich kann nur ermuntern zu stöbern, dort gibt es einen Überblick über alles was gerade in den Geowissenschaften heiße Themen sind, nicht nur für die Glaziologie. Unsere neuesten Ergebnisse von den Polkappen, aber auch z. B. Erdbeben-Forschung und das neueste vom Mars. Genau das Richtige, falls der Lockdown-Koller droht und man keine Lust mehr auf Streaming-Dienste hat…

Hier sind ein paar direkte Links zu Arbeiten von Doktoranden aus der Glaziologie:

Nicolas Stoll hat den aktuellen Stand der Auswertung von Mikrostruktur-Daten aus der EastGRIP-Bohrung vorgestellt, von der es hier ja auch schon viel zu lesen gab:

https://meetingorganizer.copernicus.org/EGU2020/EGU2020-871.html

Wie sieht es eigentlich unter dem Eis an EastGRIP aus? Die Antwort darauf hat Steven Franke:

https://meetingorganizer.copernicus.org/EGU2020/EGU2020-1173.html

Und was passiert dort wo das Eis ins Meer fließt? Ole Zeising hat ungewöhnlich hohe Schmelzraten am 79°N-Gletscher gemessen:

https://meetingorganizer.copernicus.org/EGU2020/EGU2020-14759.html

Am Ende der Konferenz gab es sogar eine virtuelle Abschlussparty. Hier ein paar Eindrücke:

 

Viel Spaß beim Stöbern, hier gibt es hoffentlich auch bald wieder Neuigkeiten aus dem Eis!

 

 

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