Informatik und Kernphysik – Praktikantin Ana Isabel Navajas Fernández im Interview
Bei GSI und FAIR arbeiten Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Im Rahmen des Programms GET_INvolved bekommen junge Menschen die Chance, das Forschungszentrum vor Ort kennenzulernen. Ana Isabel Navajas Fernández, Bachelor-Absolventin aus Spanien, erzählt, wie sich ihr Karrierefokus während ihrer Arbeit für das HADES-Experiment verändert hat.
Das Interview führten Anke Mautner-Culetto und Adnan Turan, die am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) „Wissenschaft – Medien – Kommunikation“ studieren. Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Medien und Öffentlichkeitsarbeit“, in der KIT und GSI/FAIR kooperieren, führten Studierende im Wintersemester 2022/2023 Interviews mit jungen Forschenden bei GSI/FAIR.

Wie bist du auf GSI aufmerksam geworden?
Ich schätze mich sehr glücklich: Mein Mobilitätskoordinator an der Universität von Córdoba, Spanien, sagte mir, dass es möglich sei, ein Erasmus-Praktikum zu absolvieren und gleichzeitig an meiner Bachelorarbeit zu arbeiten, also zeigte er mir eine Webseite für die Suche nach Praktika im Rahmen von Erasmus. Dort suchte ich nach Bereichen, die mit Informatik zu tun hatten, und sah Angebote in Dänemark, Belgien und nur eines in Deutschland, und zwar in Darmstadt. Es sah so aus, als ob es sehr flexibel wäre. Das war gut für mich, denn ich war auf der Suche nach einem Praktikum, das vier Monate dauerte und in dem ich mich der Arbeit an meiner Bachelorarbeit widmen konnte. Da ich vorher noch nie von GSI gehört hatte, schaute ich auf deren Website nach und sah, dass das Praktikum im Rahmen des GET_INvolved-Programms des GSI International Cooperations Office stattfand. Die Internationalität der Organisation gefiel mir sehr und ich bewarb mich dafür. Obwohl ich schon befürchtete, dass ich die Stelle nicht bekommen würde, weil sie sich zu gut für mich anfühlte, bekam ich zum Glück eine E-Mail zurück und war sehr aufgeregt und dankbar.
Was sind deine Aufgaben bei GSI?
Das ist eine interessante Sache, weil sich alles um Kernphysik dreht und ich Informatikerin bin. Ich habe in der HADES-Gruppe gearbeitet und wusste sehr wenig über Kernphysik. Mein Vorgesetzter, Szymon, war sehr nett und hat mir die Grundlagen beigebracht. Im Grunde genommen führt das HADES-Team ein Experiment mit kollidierenden Teilchen durch und erhält experimentelle Daten daraus. Auf dieser Grundlage wird ein Modell für Simulationen erstellt, und dieses Modell hat viele Parameter, deren Werte optimiert werden müssen. Hier begann für mich die eigentliche Arbeit, da viele Simulationen durchgeführt werden müssen, um die Daten zu untersuchen. Ich optimierte die Parameter der Modelle mithilfe von Algorithmen. Wenn mein Betreuer mir also zum Beispiel sagte, dass wir an diesen fünf Parametern interessiert sind, suchte ich nach der besten Kombination von Werten für diese Parameter, damit wir eine möglichst genaue Darstellung der Daten erhielten. Meine Kenntnisse als Informatikerin waren relevant, da ich während meines Bachelorstudiums Metaheuristiken studiert hatte und daher eine Vorstellung davon hatte, welche Optimierungsalgorithmen ich anwenden konnte und warum.
Was waren die Herausforderungen deines Auslandspraktikums?
Vor dem Praktikum verbrachte ich bereits fünf Monate im Ausland als Erasmus-Austauschstudentin in Ostrava (Tschechien), so dass ich meine Familie eine Zeit lang nicht sehen konnte. Dann verbrachte ich nur etwa zwei Wochen in Spanien, bevor ich wieder wegging. Zunächst war es also eine Herausforderung, nicht oft bei meiner Familie zu sein. Dann kam ich in ein Land, von dem ich dachte, dass alle hier Englisch sprechen, aber in der Bäckerei merkte ich schnell, dass das nicht stimmt. Ich fand es gut, dass das Team sehr international war, denn ich liebe es, andere Kulturen kennen zu lernen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich sehr auf das Praktikum bei der GSI gefreut hatte.
Für mich war es auch das erste Mal, dass ich keine Vollzeitunterkunft hatte. Ich hatte nur für die ersten zwei Wochen eine Unterkunft und das hat mir wirklich ein bisschen Angst gemacht. Aber dann haben die Mitarbeiter*innen vom International Cooperations Office mir geholfen, eine Unterkunft zu finanzieren. Sie gaben mir die Möglichkeit, in einem Studentenwohnheim zu wohnen, wofür ich sehr dankbar war.
Eine weitere Herausforderung war natürlich die Arbeit in einem Bereich, in dem ich nicht viel Erfahrung hatte. Zum Glück habe ich tolle Leute kennengelernt, und wir haben ab und zu Spaziergänge gemacht, die manchmal vier Stunden dauerten. Ich liebe es, mit Menschen zu reden, von ihren Erfahrungen zu hören und sie besser kennen zu lernen. Die ersten drei Wochen waren anstrengend, aber auch sehr aufregend, und insgesamt bin ich froh, dass ich alle Herausforderungen gemeistert habe und dass sie seltsamerweise zu meiner Routine geworden sind.
Kannst du dir vorstellen, in Zukunft in einem wissenschaftlichen Bereich zu arbeiten?
Um ehrlich zu sein, ist während meines GSI-Praktikums etwas Interessantes passiert. Ich wollte eigentlich Informatik-Ingenieurin werden und hatte dank des Praktikums bereits Erfahrung in der Datenanalyse. In meiner Thesis ging es jedoch mehr um Benutzererfahrung und Benutzerinteraktion, was mir am Ende besser gefiel und meine Berufsvorstellungen veränderte. Ich hatte schon immer die Idee, Psychologie zu studieren, wenn Informatik nicht funktioniert hätte. Jetzt studiere ich den Master Human-Computer Interaction (HCI), der eine Mischung aus Psychologie und Informatik ist. Schon komisch, wie im Leben manche Dinge zusammenkommen. Bei GSI habe ich wichtige Soft Skills gelernt, wie z.B. sich schnell in neue Arbeitsabläufe einzuarbeiten, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Das hat mir wirklich sehr geholfen zu erkennen, dass ich in jedem Bereich arbeiten könnte. Ich bekam auch die Möglichkeit, bei GSI zu bleiben, aber zu diesem Zeitpunkt war ich bereits auf der Suche nach einem Masterstudiengang und bin jetzt an der Bauhaus-Universität Weimar als HCI-Masterstudentin. Aber wenn sich in Zukunft die Möglichkeit ergibt, bei GSI im Bereich User Design zu arbeiten, würde ich mir das gut überlegen.
Du kommst aus Spanien, hast in der Tschechischen Republik gelebt, lebst jetzt in Deutschland, hast einen Partner aus Portugal und reist viel: Du bist sozusagen eine internationale Bewohnerin Europas. Könntest du uns etwas über deine persönlichen Zukunftspläne erzählen?
Eine internationale Bewohnerin Europas? – Oh ja, das bin ich definitiv. Ich nehme öfter das Flugzeug als den Bus. Es ist verrückt, denn in einem Monat fliege ich über Weihnachten zurück nach Spanien, dann nach Portugal, drei Monate später wieder nach Spanien und dann zurück nach Deutschland. Wenn man darüber nachdenkt, leben wir in einer Zeit, in der alles sehr gut vernetzt ist, im Guten wie im Schlechten. Eines ist sicher: Ich werde nach meinem Studium nicht in Spanien oder Portugal leben. Ich liebe meine Familie und die Küche zu Hause, aber ich denke, dass ich mich mit meiner internationalen Einstellung und all den reichen Erfahrungen, die ich im Ausland gesammelt habe, in einem anderen Land wohler fühle als in dem, in dem ich geboren wurde, und meine Familie unterstützt mich dabei. Zurzeit belege ich einen Deutschkurs und plane, mindestens ein B1-Niveau zu erreichen. Man weiß nie, was in der Zukunft passieren wird, bei allem, was los ist, aber ich hoffe wirklich, dass ich in Deutschland bleiben kann.
Wie verbringst du deine Freizeit?
Ich liebe es zu reisen! Als ich in Darmstadt bei GSI war, bin ich nach Amsterdam gefahren, um meine spanischen und französischen Freunde zu treffen. Das Tolle an Erasmus ist, dass man Freunde aus der ganzen Welt findet und die Treffpunkte nicht mehr Plätze oder Bars sind, sondern Städte oder Länder. Jetzt besuche ich sie in verschiedenen Ländern.
Ich liebe es auch, einfach nur herumzulaufen. Eine meiner Angewohnheiten ist es zum Beispiel, verschiedene Wege zum selben Supermarkt zu nehmen und jedes Mal andere Elemente zu beobachten. Das inspiriert mich auch dazu, Fotos und Videos von der Landschaft zu machen, um sie mit Musik zu unterlegen und eine Geschichte zu erzählen. Ich bin ein großer Fan von Videoschnitt und Filmemachen im Allgemeinen. Eine weitere große Leidenschaft von mir ist das Laufen. Ich bin schon ein paar Halbmarathons gelaufen. Gerade jetzt hat es hier in Weimar geschneit und ich bin noch nie bei so viel Schnee gelaufen. Ich habe gestern einen leichten 6-km-Lauf gemacht und es war eine großartige Erfahrung. Mein Traum ist es, einen Marathon mit meinem Freund zu laufen, mal sehen, ob es klappt!
Alles Gute für dich, Ana! Vielen Dank für das Interview!




