Sehr erfolgreiche Experimente, hochwertige Ionenstrahlen für die Forschung – die Experimentierzeit auf dem GSI- und FAIR-Campus lieferte trotz der Corona-Pandemie positive Ergebnisse. In zahlreichen Bereichen konnte die bestehende Beschleunigeranlage Forscherinnen und Forschern vielfältigste Ionenstrahlen zur Verfügung stellen und den Weg für neue Entdeckungen und exzellente Forschungsmöglichkeiten der Zukunft öffnen. In unserem Blog berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie sie die Krise erleben und bewältigen. Das Interview wurde während unserer Experimentierzeit im März/April 2020 geführt.
Stephan Reimann leitet bei GSI die Abteilung „Betrieb“. Er koordiniert die Betriebsprozesse der Beschleunigeranlage, organisiert Schichten und Rufbereitschaften und stimmt zwischen den Operateuren, dem Strahlzeitkoordinator, den Maschinenphysikern und dem technischen Fachpersonal ab. Dazu gehören die Koordination der Vorbereitungen und der Wartungsarbeiten in den Shutdowns, die Optimierung der Strahlparameter für laufende und die Umstellung auf neue Experimente. Mit seinem Team bereitet er auch die die Inbetriebnahme von FAIR vor.
Wie hat die Corona-Pandemie deinen Arbeitsalltag verändert?
Meine Arbeit beinhaltet sehr viel Kommunikation, ich bin in ständigem Kontakt mit den technischen Fachleuten, Operateuren, den Beschleunigerphysikern und dem Management. Da unsere Kolleginnen und Kollegen jetzt angehalten sind, ihre Arbeit möglichst in das Homeoffice zu verlegen, muss diese Kommunikation nun auf anderem Weg stattfinden. Vieles läuft jetzt schriftlich, per Telefon und über Videokonferenzen. Daran müssen sich alle erstmal gewöhnen und es gibt viel Raum für Missverständnisse. Es ist daher wichtig, sehr klar in den Aussagen zu sein und die Informationen über Entscheidungen und Planänderungen zügig zu verteilen und möglichst breit zu streuen.
Normalerweise wären jetzt in der Betriebsphase teilweise bis zu 30 Personen im Hauptkontrollraum. Nun sind nur die drei Operateure und wenige Speicherringexperten erlaubt. Alle Anwesenden sind angehalten, die Mindestabstände einzuhalten. Die Operateure müssen weit genug auseinander an den Konsolen sitzen und auch sonst alle empfohlenen gesundheitlichen Sicherheitsregeln befolgen.
Um den Beschleunigerbetrieb prinzipiell aufrecht erhalten zu können, sind für uns die Operateure entscheidend. Der Kontrollraum muss auch aus Sicherheitsgründen rund um die Uhr mit mindestens zwei Personen besetzt sein. Selbst wenn nur wenige Operateure erkranken oder in Quarantäne müssen, kämen wir sehr schnell in eine Situation, in der wir einen Zwangs-Shutdown einleiten müssten. Um das Risiko zu minimieren, haben wir entschieden, dass die Operateure nicht mehr an Meetings teilnehmen und sich ausschließlich im Kontrollraum aufhalten. Der Hauptkontrollraum ist außerdem für alle anderen Personen gesperrt. Auch das soll die Zahl der Kontakte und damit das Risiko minimieren. Der Kontrollraum bietet daher zurzeit einen ungewöhnlich einsamen Anblick.
Welche Arbeiten konnten aufrechterhalten werden, welche mussten stoppen?
Bisher konnten wir den Beschleunigerbetrieb zuverlässig aufrechterhalten. Aber natürlich dauert alles etwas länger. Zum Beispiel sind die Rufbereitschaften nun auch tagsüber nicht mehr auf dem Campus. Die Personen müssen also erst aus dem Homeoffice aufbrechen, wenn sie gebraucht werden. Es dauert deshalb jetzt deutlich länger, bestimmte Probleme zu beheben.
Das Experimentierprogramm selbst musste, aufgrund der Reisebeschränkungen für viele unserer User, reduziert werden. Dadurch sinkt natürlich auch die Komplexität der nötigen Betriebsmoden und damit auch das generelle Ausfallrisiko. Das macht die Sache für uns etwas einfacher.
Welche Maßnahmen hast du persönlich ergriffen, um weiter arbeiten zu können und gleichzeitig die gesundheitlichen Risiken zu minimieren?
So viele Personen wie möglich arbeiten im Homeoffice. Auch ich arbeite ca. 50% der Zeit von zu Hause aus. Operateure sollen den Campus außerhalb der Schichtzeiten überhaupt nicht mehr betreten. Teilnehmern der Rufbereitschaft habe ich freigestellt, sich in der aktuellen Situation auch während der Normalarbeitszeit zu Hause bereitzuhalten. Die Anwesenheitspflicht wurde ausgesetzt.
Ansonsten haben wir Desinfektionsmittel bereitgestellt, mit dem regelmäßig Tastaturen und Telefone etc. desinfiziert werden können. Masken und Handschuhe sind auch vor Ort vorhanden. Das Tragen ist zwar noch nicht verpflichtend, aber wir wollen zumindest allen die Möglichkeit der Nutzung geben, da wir dem unterschiedlichen Sicherheitsbedürfnis der verschiedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Rechnung tragen möchten. Außerdem haben wir, auf Anraten der Experten, die Lüftungsanlagen im HKR auf reinen Außenluftbetrieb umgestellt, sodass im Raum keine Umwälzung mehr stattfindet.
Wie organisiert ihr die Arbeit im Team?
Alle Meetings werden mittlerweile als Videokonferenz durchgeführt, auch die tägliche sogenannte Mittagssitzung. Die Resultate fassen wir dann per E-Mail zusammen und geben sie teilweise auch nochmal telefonisch an die Schichtteilnehmer weiter. Insgesamt gibt es jetzt viel mehr Telefonate und E-Mails. Auch das große Betriebskoordinations-Meeting findet jetzt online statt. Dasselbe gilt für die Shutdown-Sitzung. Hier planen wir das Zeit- und Aufgabenmanagement für die kommende Wartungsphase ab Juni, in der die Beschleuniger nicht laufen.
Vor welchen Herausforderungen standet Ihr?
Vor allem die Anfangsphase war schwierig. Wir mussten uns sehr schnell umstellen und dabei das richtige Maß finden. Das war nicht einfach, doch mittlerweile haben wir uns auf die neue Situation eingestellt.
Welche Arbeiten können von zuhause aus erledigt werden?
Die Teilchenbeschleuniger können wir leider nicht von zuhause aus betreiben. Technisch wäre das theoretisch zwar prinzipiell möglich, aber praktikabel ist es nicht. Außerdem ist eine Besetzung des Hauptkontrollraums auch aus Sicherheitsgründen vorgeschrieben. Von zu Hause aus können wir weiterhin gut planen und koordinieren. Besonders gut lassen sich zu Hause wissenschaftliche Artikel, Berichte und Protokolle verfassen. Die Vorbereitung neuer Projekte ist hingegen schwierig, aber in gewissem Umfang ist auch das noch möglich.
Was wünschst du dir für die nächste Zeit?
Für die nächste Zeit wünsche ich mir vor allem, dass alle gesund bleiben. Viele ausländische Kollaborationspartner können uns derzeit nicht besuchen. Ich hoffe, wir sehen sie alle bald gesund wieder. Das Interesse an Strahlzeiten an unseren Anlagen ist weltweit sehr groß. Aufgrund der Arbeiten für FAIR haben wir aber zurzeit nur begrenzte Zeiträume, in denen wir Strahlzeiten für wissenschaftliche Nutzer bereitstellen können. Für den Betrieb fände ich es daher toll, wenn wir das reduzierte Programm noch erfolgreich beenden könnten und nicht früher in den Shutdown gehen müssen.
