Dr. Leyla Atar kommt aus der Türkei und hat Astronomie und Physik studiert. Vor kurzem hat sie an der Technischen Universität Darmstadt und bei FAIR und GSI ihre Doktorarbeit abgeschlossen, für die sie den Giersch Excellence Grant erhielt. Das Interview führte Carola Pomplun.
Leyla, du hast Astronomie und Physik studiert. Was hat dich dazu inspiriert?
Meine Physik-Lehrerin in der Schule in Ankara war ein großes Vorbild. Schon in der achten Klasse hatte ich den Wunsch, die Wissenschaft zu meinem Beruf zu machen. Ich habe mich für den Urknall und die String-Theorie interessiert. Zum Studium der Astronomie war es dann nur ein kleiner Schritt. In Deutschland gehört die Astronomie zum Physik-Studium dazu, aber in der Türkei sind das zwei getrennte Fächer.
Im Anschluss an das Studium in der Türkei gingst du nach Deutschland. Was hat zu dieser Entscheidung geführt?
Meine Neugier war noch nicht befriedigt und ich wollte mehr lernen. Ich wusste, dass die Forschungsmöglichkeiten in der Türkei begrenzt waren, deshalb habe ich mich für ein Physik-Studium in Deutschland entschieden. Deutschland ist für mich das „Vaterland der Kernphysik“. Es gibt vielfältige und anspruchsvolle Lehrangebote und gute Forschungsanlagen. Das hat mich gereizt. Ein Vorteil war auch, dass meine Schwester bereits in Köln wohnte. Darum habe ich die Universität in Bonn gewählt, so dass wir beieinander sein konnten. Das hat sehr beim Einleben geholfen.
Wie kam der Kontakt zu FAIR und GSI zustande?
In meiner Diplomarbeit habe ich Simulationen für das an FAIR geplante PANDA-Experiment gemacht. Ich war auch zum PANDA-Meeting bei GSI eingeladen. Es hat mir sofort gefallen und ich war von der Beschleunigeranlage und den Experimenten begeistert. Ich wusste, dass ich noch etwas mit echten Daten aus einem Experiment machen möchte, nicht nur mit Simulationen. Darum habe ich nach einer Promotionsstelle bei GSI Ausschau gehalten. In der Gruppe von Professor Thomas Aumann habe ich eine Stelle gefunden, er wurde der Betreuer meiner Doktorarbeit und hat mich wirklich sehr gut unterstützt. Im Jahr 2015 habe ich die Arbeit abgeschlossen und mache jetzt als Postdoc weiter.
Was ist das Thema deiner Forschung?
In meiner Forschung geht es um die Untersuchung von Einteilchenzuständen in Abhängigkeit von der Protonen- und Neutronenzahl in exotischen Kernen, die kurzlebig und instabil sind. Das gibt uns das Verständnis über die Struktur, die Eigenschaften sowie die Nukleon-Nukleon-Korrelationen der exotischen Kerne, insbesondere wie sie sich ändern, wenn man das Neutronen-zu-Protonen-Verhältnis ins Extreme führt. Zu diesem Themenkomplex führen wir Experimente am LAND/R3B-Aufbau bei GSI durch. Zuerst werden die exotischen Isotope durch die Fragmentierung von stabilen Kernen am Fragmentseparator generiert und selektiert, anschließend zu unserem Experimentierbereich geliefert. In meiner Arbeit beschäftigte ich mich mit der Datenanalyse von quasifreien Ein-Nukleon-Knock-Out-Reaktionen an Sauerstoff-Isotopen.Aus den Daten über Position, Flugzeit und Energieverlust vor und nach dem Target, kombiniert mit den Gammastrahlen, werden sowohl der ankommende Strahl als auch alle Reaktionsprodukte gemessen und identifiziert. Darüber bestimmen wir Wirkungsquerschnitte und Impulsverteilungen, aus denen wir die Information über die Kernstruktur entnehmen.
Was habst du für die Zukunft geplant?
Da R3B ein Teil von FAIR ist, stehen nun viele Aufgaben zum Aufbau des Detektors an der neuen Anlage an. Wir testen aktuell Teile des Neutronendetektors NeuLAND am RIKEN-Institut in Japan, da uns hier wegen der vielen Umbaumaßnahmen nicht mehr so viel Strahlzeit zur Verfügung steht. Japan finde ich supercool. Am RIKEN zu arbeiten, könnte ich mir gut vorstellen. Irgendwann, wenn ich so weit bin, möchte ich aber auch in die Türkei zurückkehren. Dort einmal Professorin zu werden und eigene Projekte zu leiten, wäre mein Traum.
Würde dir in der Türkei etwas aus Deutschland fehlen?
Den Weihnachtsmarkt hier mag ich sehr. Und Schokolade, die würde mir fehlen. Ich nehme immer welche mit, wenn ich meine Familie in der Türkei besuche. Deutschland ist ein multikulturelles Land, sowohl in der Gesellschaft als auch am Arbeitsplatz. Mir würden die internationalen Erfahrungen auf der Arbeit fehlen. Auch das Essen ist hier sehr international und man bekommt viele Spezialitäten aus anderen Ländern.
Gibt es viele Unterschiede zwischen dem Leben in der Türkei und in Deutschland?
Es gibt natürlich kulturelle Unterschiede, aber mittlerweile habe ich mich eingewöhnt. Ich verstehe mich gut mit den Deutschen, und ihr Umgang mit der Umwelt und den Ressourcen gefällt mir am besten. Das Sozialleben ist hier organisierter als in der Türkei. Busse haben Fahrpläne und sind pünktlich! Überrascht war ich von der Offenheit der Institutionen. In der Universität ist der Campus frei zugänglich, alle Hörsäle sind offen, niemand kontrolliert einen. Das ist in der Türkei anders.
