Überall, wo es Podcasts gibt

Science Podcast Panel at DIW Berlin, Berlin Science Week 2023
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Am 8.11.2023 fand im Rahmen der Berlin Science Week 2023 am DIW in Berlin von vom RIFS gehostetes Diskussionpanel über Wissenschafts- und Nachhaltigkeitspodcasts statt. Im Folgenden dokumentiere ich meine knapp zehnminütigen, englischen Eingangsworte zu der Veranstaltung, hier in deutscher Übersetzung.

Liebe Podcaster:innen,
liebe Gästinnen und Gäste!

Der Titel dieser Veranstaltung lautet: „Narrating for new Narratives – Scientific Podcasts for Sustainability Transformations“. Über passende Narrative und das gute Erzählen in Wissenschaftspodcasts erfahren sie gleich ganz viel bei der Paneldiskussion. In meinem Eröffnungsstatement möchte ich mich für ein paar Minuten auf die Metaebene der Nachhaltigkeitspodcasts begeben. Ich möchte sprechen über die Nachhaltigkeit von Podcasts selbst und die Gefahren der Plattformisierung von Podcasts.

Ich betreue bei der Helmholtz-Gemeinschaft den deutschsprachigen Resonator-Podcast als Redakteur und Projektleiter. Diesen Audiopodcast gibt es schon seit 2013. Das war drei Jahre bevor Spotify überhaupt mit Podcasts begonnen hat. Wir haben beim Resonator mittlerweile 200 Episoden veröffentlicht. Das sind mehr als eine Woche Hörmaterial und mehr als 5 Mio. Downloads. Vor allem aber sind es zehntausende Bindungen zu Menschen – zu Hörerinnen und Hörern, die uns monatlich etwa 1 Stunde ihrer Aufmerksamkeit schenken. Und darüber, wie diese Verbindungen technisch zustande kommen und erhalten bleiben, möchte ich im Folgenden etwas reflektieren.

Als Mensch mit einer schwersten Podcast-Abhängigkeit höre ich viele Podcasts und ich empfehle anderen Menschen viele Podcasts. In persönlichen Gesprächen suchten wir dazu noch vor einigen Jahren auf den Smartphones meiner Gesprächspartner:innen nach den Webseiten der Podcasts. Danach erklärte ich Podcast-Neulingen, wie sie sich eine Podcast-App installieren konnten. Doch in den letzten vielleicht fünf Jahren öffnen meine Gesprächspartner:innen von sich aus die Spotify-App, um dort nach den empfohlenen Podcasts zu suchen. Und auch viele Podcast-Anbieter:innen verweisen bei der Bewerbung ihrer Formate fast ausschließlich auf Podcast-Plattformen wie Deezer, Audible oder eben Spotify. „Überall, wo es Podcasts gibt“, heißt es dann. Doch ich halte dieses „überall“ für strukturelles Problem und für uns Podcaster:innen für nicht nachhaltig!

Erinnert sich noch jemand an Stitcher, Mixlr oder Spreaker? Nein? Die wollten auch mal das „Youtube für Audio“ werden. Aber sie gibt es nicht mehr. Alphabet stellt „Google Podcasts“ zu Ende dieses Jahres gerade ein. Die Frage für uns Inhalte-Anbieter in diesem Kontext sollte lauten: Warum sollten wir uns in ein Abhängigkeitsverhältnis solcher Intermediäre begeben?

Der Begriff Intermediär bezeichnet hierbei digitale Plattformanbieter, darunter Social Media-Plattformen aber auch Audio-Apps wie Spotify. Intermediäre bieten einen Dienst an, der einerseits Inhalteanbieter und Endnutzende zusammenbringt, andererseits genau diese Verbindung aber auch monetarisiert.

Intermediäre können durch algorithmische Gewichtung den Zugang zu Inhalten zwischen Anbieter und Konsument:innen steuern. Zudem haben alle in den vergangenen Jahren erfolgreichen Intermediäre wie Facebook, Instagram, Youtube etc. Geschäftsmodelle, die kaum reglementierte Werbeinhalte in die Timelines der User spülen, darunter leider auch Falschmeldungen, Lügen, Hassrede und Inhalte mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die gesamt-gesellschaftlich negativen Auswirkungen davon haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder gesehen. Beispiel: Brexit-Referendum und Trump-Wahl 2016. Doch selbst der Facebook-Skandal rund um Cambridge Analytica 2018 änderte bislang an der Plattform-Nutzung durch Inhalte-Anbieter wenig. In den vergangenen 12 Monaten konnten wir zudem die negativen Änderungen beim Dienst X nachverfolgen. Dort beobachten viele Organisationen erhebliche Reichweiteeinbrüche nicht nur aber auch durch Änderungen der Algorithmen.

Warum sollten wir uns von solchen Intermediären abhängig machen? Von ihren Geschäftsmodellen und Eigeninteressen? Gerade wir als öffentlich finanzierte Forschende und Wissenschaftsorganisationen?

Auf diese Frage höre ich immer wieder vier Antworten:
• 1.) „Wegen der Reichweite.“
• 2.) „Weil die User da sind.“
• 3.) „Weil man es halt so macht.“
• und 4.) die Grundhaltung „Es gibt andere Verbreitungswege als Podcast-Plattformen?“

Ich habe hier nur ganz kurz Zeit, auf diese Thesen einzugehen:
• zu 1: „Wegen der Reichweite.“ – Ja, aber: Man kann Reichweite auch außerhalb von Podcast-Plattformen herstellen. Der Helmholtz-Resonator hat nur max. 3 Prozent seiner Abspielungen auf Spotify, 97 Prozent hingegen im freien Internet und insbesondere in offenen Podcast-Apps.

• zu 2: „Weil die User da sind.“ – Ja, aber: Man kann die User auch in der Sendung darauf hinweisen, dass man den Podcast auch außerhalb der Plattformen hören kann. Echte Podcast-Apps bieten z.B. auch Mehrwertfeatures wie Kapitelbilder an.

• zu 3: „Weil man es halt so macht.“ – Nein, ich widerspreche. Ich nehme es zwar auch so wahr, dass zunehmend neue Podcasts nur auf Spotify veröffentlicht werden. Aber als Old-School-Podcaster ist dies für mich eher schlechter Stil und ein no-go.

• zu 4: „Es gibt andere Verbreitungswege als Podcast-Plattformen?“ – Ja, gibt es! Und zwar einen öffentlich und schrankenlos abrufbaren Podcast-Feed im Internet. Audio-Podcasts haben sich als technische Geschwister der Blogs entwickelt, die ihre Inhalte über RSS-Feeds kommunizierten. Eine Kulturtechnik, die sich leider nicht sehr weit verbreitet hat, aber gerade für den Konsum von News oder eben auch Podcast sehr praktisch ist.

Wer seinen Podcast selbst oder bei einem offenen Hoster wie etwa Podigee hostet, der kann seinen Hörer:innen einen frei abrufbaren Podcastfeed vom eigenen Server aus anbieten. Das ist vergleichbar mit einem intermediärlosen Kundenkontakt über einen Webseiten-Aufruf bzw. einem E-Mail-Newsletter. Auch hier gibt es keine Mittelsmann-Firma, die die Reichweite technisch beschränken, dafür Geld fordern oder gar Werbung in die Ausspielung einschleusen könnte. Diese direkte Verbindung zu unseren Hörer:innen sollte uns sehr wertvoll sein. Wir sollten sie pflegen und sie sollte unser primärer Ausspielweg sein!

Mein Fazit: Was aus meiner Sicht überhaupt nicht geht, ist, den eigenen, freien Podcast-Feed überhaupt nicht zu kommunizieren oder in den „wie ihr uns hören könnt“-Infos so gut es geht zu verstecken. Leider beobachte ich aber genau dies sehr häufig bei vielen Podcasts im Web.

Wir sollten uns nicht von Intermediären wie Spotify abhängig machen! Nicht von ihren Geschäftsmodellen und Eigeninteressen – gerade wir als öffentlich finanzierte Forschende und Wissenschaftsorganisationen! Das geht gerade bei Podcasts unglaublich einfach: Nutzen wir öffentlich und frei zugängliche Podcast-Feeds und bewerben wir primär diese. Weisen wir in About-Texten auf Smartphone-Podcast-Apps wie Overcast, PocketCasts, PodcastAddict oder AntennaPod hin! Hier haben wir den direkten Draht zu unseren Hörer:innen ohne einen überflüssigen Intermediär dazwischen! So bleiben auch Wissenschafts- und Nachhaltigkeits-Podcasts selbst nachhaltig in Verbindung mit ihrem Publikum.

Ich komme Schluss. Wie bereits erwähnt, werde ich oft nach Podcast-Empfehlungen gefragt. Da meine Zeit jetzt hier abgelaufen ist, empfehle ich Ihnen jetzt nicht einzelne Wissenschaftspodcasts zum Hören, sondern eine Webseite, die viele hörenswerte deutschsprachige Podcasts als ein Verzeichnis verlinkt. Sie finden es auf der Website: wissenschaftspodcasts.de.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Nachtrag: Die ARD-Audiothek scheint aktuell leider auch einen Walled Garden aufzubauen und die freie Podcast-Universum damit auszuschließen. Sehr schade!

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