Augenspiegel 43-18: Zahlen, bitte!
Herzlich willkommen zur 75. Ausgabe der Augenspiegel-Kolumne! Wie immer im Herbst bringt auch dieses Jahr die ARD/ZDF-Onlinestudie aktuelle Zahlen zur Online-Nutzung in Deutschland. Dafür wurden 2000 deutschsprechende Personen ab 14 Jahren telefonisch (60% Festnetz, 40% Mobilfunk) befragt. 63,3 Mio. Menschen sind online (90,3%), von den über 14-Jährigen nutzen 6,8 Mio. Menschen das Netz überhaupt nicht. 77 Prozent der Gesamtbevölkerung sind täglich online. Bei den Jüngeren beträgt die Quote 97,7% (14-19 Jahre), 98,0% (20-29 Jahre) bzw. 96,1% (30-39 Jahre). Zum Vergleich: Die Tagesreichweite des Fernsehens beträgt 71,6 Prozent, beim Radio sind es 75,5 Prozent. Maßgeblicher Treiber der hohen Internetnutzung ist die hohe Smartphone-Verbreitung, so die Autor*innen.
Die tägliche Nutzungsdauer des Internets beträgt durchschnittlich 196 Minuten: also mehr als drei Stunden (Menschen ab 14 Jahren). Das sind 47 Minuten mehr (also ein Drittel länger) als im Vorjahr! Bei den Mobil-Nutzenden beträgt die Nutzungsdauer sogar 240 Minuten (4 Stunden). Die 14- bis 29-Jährigen kommen im Schnitt auf 353 Minuten am Tag – das sind fast sechs Stunden. Dabei entfallen (bei allen Altersklassen zusammen) durchschnittlich 82 Minuten pro Tag auf die Nutzung von Medien: 32 Minuten für Video, 30 Minuten fürs Lesen, 25 Minuten fürs Hören.
Totgesagte leben länger
Obwohl die tägliche Nutzung von Facebook abnimmt, bleibt Facebook im Schnitt die wichtigste Plattform. Die Facebook-Nutzung geht demnach bei der Gesamtbevölkerung auf hohem Niveau leicht – aber nicht einbruchsartig (wie gelegentlich kolportiert) – zurück. Bei den 14- bis 19-Jährigen hingegen belegt Instagram (ebenfalls Facebook Inc.) mittlerweile Platz 1 mit 62% bei der wöchentlichen Nutzung, Snapchat folgt mit 55%, Facebook befindet sich knapp dahinter mit 50%. Dabei wurde leider die Nutzung von WhatsApp (ebenfalls Facebook Inc.) nicht gesondert erfasst. Die wöchentliche Reichweite des Messengers liegt bei 72 Prozent.
Fast jeder zweite aus der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen schaut Videos auf Facebook (47%) und Instagram (42%). Dies geschieht jedoch als Nebenbeinutzung. Wichtigstes Videoportal bleibt Youtube, das 64% zumindest selten nutzen. Unter den 14- bis 29-Jährigen sind die 98 Prozent. Inklusive linearem Fernsehen verbringt jede Person ab 14 Jahren täglich 202 Minuten (3:22 Stunden) mit dem Ansehen von Bewegtbildern.
Wissenschaftsbarometer 2018
Kurz zuvor war das Wissenschaftsbarometer 2018 erschienen. Auch hier gibt es wieder viele interessante Zahlen zu finden. Carsten Könnecker stellt dazu fest: „Das Wissenschaftsbarometer stellt uns mit Nachdruck vor die Frage, ob der Fokus von Wissenschaftskommunikation nicht oft zu einseitig auf der Expertise liegt: Das können wir, das haben wir geschafft, seht doch nur unsere Ergebnisse!“ Für mich interessant ist insbesondere auch diese Aussage zu Wissenschaft in Social Media: „Es gibt relativ wenige stark engagierte ‚Sender‘, welche die Social-Media-Diskurse über Wissenschaftsthemen aktiv anstoßen.“
Das Forschungszentrum Jülich hat seine Forscher*innen gebeten, die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers zu kommentieren. Hier sind bislang drei lesenswerte Beiträge erschienen.
Verbreitung von Audio-Podcasts
Ebenfalls interessant scheint mir ein Vergleich dieser beiden Untersuchungen, die sich beide als bevölkerungsrepräsentativ bezeichnen. Ich will dies hier nur bezüglich eines Kennwertes machen, der mich besonders interessiert und nach dem ich auch explizit gefragt wurde: die Podcast-Nutzung. Das Wissenschaftbarometer (siehe Seite 91ff. im PDF) fragt z.B.: „Und wenn Sie sich im Internet über Wissenschaft und Forschung informieren, wie oft tun Sie dies über folgende Wege?“ Die Antwortanteile zu Podcasts lauteten hier: 1% sehr häufig, 5% häufig, 11% gelegentlich, 18% selten, 62% nie, 3% keine Angabe (N=748). Etwas gröber gesprochen: 35% selten und mehr, 62% nie.
Die Podcast-Nutzung der ARD-ZDF-Onlinestudie (siehe Seite 420ff. im PDF) habe ich in den vergangenen Jahren immer als eine der vielen Kennzahlen exemplarisch im Augenspiegel dargestellt. (Der Deutschlandfunk hatte diese Woche übrigens eine schöne Sendung, die Neulingen einen Einstieg ins Podcasthören ermöglicht.) 2015 gab es leider eine Umstellung der Frage-Formulierung, die die Vergleichbarkeit mit den Vorjahren erschwert. 2018 gaben 11 Prozent der Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren (zwei Prozentpunkte weniger als im Vorjahr) an, zumindest selten Podcasts zu hören. Hier ergibt sich also ein für mich erstmal nicht erklärbarer Unterschied zwischen 35% und 11% Podcast-Nutzung zwischen den beiden Studien.
Ein paar Prozentpunkte Unterschied mögen in der Antwortdefinition (wie häufig ist „selten“?) und in der Begriffsdefinition (was ist ein Podcast?) zu suchen sein. Auch in der Angabe der zumindest seltenen-Podcast-Nutzung bei den 14- bis 29-Jährigen unterscheiden sich die Werte mit 39% (Wissenschaftsbarometer) und 22% (ARD-ZDF-Onlinestudie) zwar weniger aber noch deutlich. Die Ursache dieser Abweichung würde mich interessieren. Klar: Die ARD-ZDF-Onlinestudie fragt die Podcast-Nutzung allgemein ab, das Wissenschaftsbarometer bezüglich der Informationssuche zum Thema Wissenschaft. Wenn es allein daran läge, hieße das, dass die Podcast-Nutzung unter denjenigen, die sich über Wissenschaft informieren wollen, drei Mal so hoch ist wie unter den anderen Online-Nutzer*innen.
Noch viel beeindruckender klingen solche Zahlen, wenn man sie absolut formuliert, wie es z.B. Vermarktungsagenturen für Werbung in Podcasts gerne tun: Der Online-Audio-Monitor und die Spot-On-Podcasts-Studie von Werbevermarkter AS&S kommen sprechen von 10 bzw. 20 Millionen Menschen in Deutschland, die schon mal Podcasts gehört haben. Gleichzeitig geben von AS&S vermarktete Podcasts mittlere fünfstellige Download-Zahlen für einzelne Folgen an. Zum Vergleich: Unser werbefreier Wissenschaftspodcast Resonator liegt bei derzeit etwa. 25.000 Downloads im Schnitt pro Folge, was andere institutionelle Podcasts aber auch schon lange vor dem aktuell proklamierten Podcast-Boom verzeichneten.
Fußball vs. Forschung

Ebenfalls erstaunt hat mich die Folie des Wissenschaftsbarometers zu den Interessen der Deutschen. Demnach interessieren sich mehr Deutsche für Wissenschaft und Forschung als für Sport. Mich verwundern diese Zahlen. Bislang ist es noch keiner Wissenschaftsorganisation gelungen, die 48 Mio. Facebook-Fans des FC Bayern München zu erreichen. Keine Wissenschafts-WM begeistern Millionen Live-Fernsehzuschauer*innen. Zur Nobelpreis-Verkündigung gibt es keine Fanmeile mit tausenden feiernden Teilnehmenden vor dem Brandenburger Tor. Im Fernsehen läuft nicht annähernd so viel Wissenschafts- wie Sportberichterstattung (vor allem nicht auf ähnlichen Sendeplätzen). Die großen Zeitungen haben täglich viele Sport- aber nur wenige (oder gar keine) Wissenschaftsseiten. In den S-Bahnen sind mir samstags vor Bundesliga-Anpfiff schon viele gröhlende Fußball-Fans begegnet, aber noch nie Science-Fans mit Helmholtz-Kutten oder Uni Münster-Schals, die rechtzeitig zum Experimentbeginn im Labor ihrer Lieblingsforschungseinrichtung sein wollten. Aber vielleicht ist das auch nur meiner wissenschaftsfernen Fußball-Filterblase geschuldet. Oder es bleiben bei einer so ausführlichen Telefonbefragung zum Thema Wissenschaft, deren Zusammenfassung später ein 427-Seiten-PDF ergibt, nur diejenigen bis zum Ende dran (und gehen somit nach meinem Verständnis in die Auswertung ein), die wirklich sehr wissenschaftsinteressiert sind.
Video der Woche
Video: DLR.
Kurz verlinkt
- Googles News Initiative: Wohin die Millionen für die Medien in Deutschland fließen
- Was treiben die Leute online, wenn Facebook mal down ist?
- Markus Weißkopf über die Wissenschaft und ihre besondere Pflicht zur Kommunikation
- BR-Intendant Wilhelm fordert ein europäisches Youtube
- WWW-Schöpfer Tim Berners-Lee will mit der verteilten Software Solid das Web den Konzernen entreißen
Tweets der Woche
Siemens-CEO Joe Kaeser twittert.
Warum Forschende (und speziell Historiker*innen) nicht twittern? Eine Umfrage:
Und dazu gleich eine Einschätzung von Anna-Lena Scholz von der ZEIT:
Termine
- Am Sonntag, 4.11. gibt’s unseren Wissenschaftspodcast Resonator live auf der Bühne. Thema im Gespräch mit Planetenforscherin Dr. Ina Plesa vom DLR ist „Unsere kosmische Nachbarschaft„. Moderation: Holger Klein. Tickets gibt es für 5 Euro.
- Am 6. November findet Helmholtz Horizons statt. Interessenten können sich per Mail an events@helmholtz.de wenden. Es wird aber auch einen Livestream geben.
- Am 10. November gibt es die zweite Ausgabe der Kieznerds. Nun werden noch Kieznerds gesucht.
Die Augenspiegel-Kolumne
Die Kolumne „Augenspiegel – Webfundstücke rund um die Wissenschaft“ erscheint seit Februar 2014 etwa alle zwei Wochen freitags im Blogportal der Helmholtz-Gemeinschaft. Darin stellt Henning Krause, Social Media Manager in der Helmholtz-Geschäftsstelle, Internetfundstücke aus dem Web 1.0 und dem Web 2.0 vor, die zeigen, wie sich der gesellschaftliche Diskurs um Wissenschaft im Internet abspielt: neue Kommunikationsformen, neue Technologien und Kommunikationskulturen. Bei dieser Kuratierung spielen Blogs, Apps, Facebook, Youtube und Twitter eine Rolle – anderseits auch Internet-Meme, Shitstorms und virale Videos. Etwas ähnliches macht auch das Panoptikum auf Wissenschaftskommunikation.de




Leser:innenkommentare (1)
Ilja
Da ich mich gerade im Rahmen meiner Masterarbeit mit Podcasts beschäftige, wollte ich ein paar Worte zu den Nutzungszahlen verlieren.
Während die Onlinestudie explizit nach Audio-Podcasts fragt, wird im Wissenschaftsbarometer nach Podcasts gefragt, wenn die Befragten überhaupt sich geäußert haben, dass sie sich im Internet über Wissenschaft und Forschung informieren. Hier kann es durchaus zu Unterschieden kommen. Zum einen sind es unterschiedliche Begriffe die genutzt werden. Ich denke, dass nicht jeder Nutzer das Gleiche unter Podcasts versteht. Hier können ja beispielsweise Video-Podcasts mitgedacht sein oder „zeitversetzte Audios von Radiosendungen“, die die Onlinestudie von den Audio-Podcasts abtrennt. Zum anderen sind verschiedene (Teil-)Stichproben, die hier gegenüber stehen. So sind es im Wissenschaftsbarometer aktivierte Personen selektiert, die einem spezifischen Informationsbedürfnis nachkommen im Vergleich zur allgemeinen Mediennutzung in der Onlinestudie.