Augenspiegel 03-18: Riesenspinnen, Blog-Archäologie und Pythagoras zum Quadrat
Für mich als Social-Media-Redakteur geht es täglich darum, die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger auf Wissenschaftsinhalte im Netz zu lenken. Natürlich muss dieser „Content“ (so der Redaktionsschnack) erstmal interaktionsgruppen-gerecht erstellt werden. Aber dafür gibt es gute Leitlinien und Erfahrungen. Zunehmend komplizierter wird es, in Social Media-Plattformen an die Community der Interessierten heran zu kommen. Im Oktober schrieb ich hier im Augenspiegel über geplante Änderungen des Facebook-Newsfeeds. Diese werden nun bald umgesetzt, so Facebook-Chef Mark Zuckerberg Ende vergangener Woche. Die Facebook-Startseite wird demnach nur noch Beiträge von Facebook-FreundInnen und keine Postings von Facebook-Seiten mehr beinhalten (falls diese nicht von Freunden geteilt werden).
Betreiber von Facebook-Seiten beobachteten in Test Einbrüche des Traffics um bis zu 75 Prozent. Nun diskutieren Community-Manager, wie dem zu erwartenden Sinken der Reichweite entgegen gewirkt werden kann: bezahlte Werbung für Facebook-Beiträge? Die Erfahrungen damit sind sehr unterschiedlich. Neu anzulegenden Facebook-Gruppen – doch was könnte deren Ziel und ihr Mehrwert für die Nutzenden sein? Müssen wir unsere Facebook-Fans bitten, unsere Beiträge sehr viel häufiger zu teilen, um Reichweite zu erzielen? Doch was könnte der Mehrwert für sie sein? Wie ist es mit persönlichen Accounts von Forschenden/WissenschaftsmanagerInnen: Sollten diese versuchen, ihre Facebook-Communities auszubauen? Ein Revival der in Vergessenheit geratenen Kulturtechnik RSS-Feeds (bislang eher was für oldschooler wie mich)?
Ich finde ja: Als Inhalte-Anbieter benötigen wir insbesondere einen „direkten“ Kommunikationskanal zu unserer Interaktionsgruppe: Mail-Newsletter, eigene Blogs und freie Podcast, RSS-Feed-Abos von Webseiten und Blogs, Chat-Schnittstellen über XMPP, WhatsApp oder andere Messenger. Auch wenn dieser „direkte Kanal“ im Web 2.0-Zeitalter also weiterhin über Intermediäre wie Mailanbieter oder Chat-App-Anbieter läuft – so sollten wir versuchen, uns der Algorithmen-Logik der Plattformen zu entziehen. Eine sehr ausführliche Zusammenfassung hat Martin Giesler zu den Neuerungen bei Facebook verbloggt.
Wissenschaftsblog-Jubiläen
Ende dieses Jahres wird der Begriff „Web 2.0“ schon 15 Jahre alt. Kaum zu glauben, dass sich der Begriff der „neuen Medien“ so hartnäckig hält. Dabei sind die digital-interaktiven Kommunikationstrends, -plattformen und -techniken bereits wirklich lange etabliert. Sie sind IMHO daher auch nicht die Zukunft, sondern schon lange die Gegenwart der Kommunikation – wie zum Beispiel die Wissenschaftsblogs, die es in Deutschland mittlerweile auch schon seit mehr als zehn Jahren gibt.
Die Plattform ScienceBlogs feiert gerade ihr zehnjähriges Jubiläum. Der bekannteste Blogger dort ist wohl Florian Freistetter. Auch Lars Fischer von den SciLogs gratuliert. Aus der Helmholtz-Familie war damals das DLR auch schon mit dabei, denn zum Jahreswechsel 2007/2008 brachte der deutsche europäische Astronaut deutscher Nation Hans Schlegel das europäische Forschungslabor Columbus zur Internationalen Raumstation (ISS). Hierzu gab es bei den ScienceBlogs einen Columbus-Blog, den meine DLR-Kollegin Diana Gonzalez und ich aus dem Deutschen Raumfahrtkontrollzentrum des DLR nahe München schrieben. Für mich war dieser Einstieg ins Wissenschaftsbloggen sehr spannend, da ich damals vor zehn Jahren erstmals die Raumfahrt-Begeisterung der LeserInnen und KommentatorInnen für die Updates kennen lernte, die wir quasi-live aus dem Raumfahrtkontrollzentrum ins Netz weiter gaben. Der Höhepunkt des Columbus-Blogs war (neben der Spinne, die kurz vor dem Start über die Kamera des NASA-Livestreams kroch) dann der Weltraumausstieg von Hans Schlegel am 13. Februar 2008.
Audio: NASA TV.
Auch in Jülich gibt es einen Blog-Geburtstag. Das Blogportal des Forschungszentrums Jülich wird zwei Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Zuletzt fand ich dort den Beitrag von FZJ-Chef Wolfgang Marquardt über transformative Wissenschaft sehr lesenswert. Aber damit genug zur Blog-Historie.
Videos der Woche
Auf dem Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs ging es zwischen Weihnachten und Silvester unter anderem auch um Wissenschaft und Social Media. Zwei sehr spannende Vorträge vom 34C3 möchte ich empfehlen:
Video: media.ccc.de
Video: media.ccc.de
Es gibt also gar keine deutschsprachigen Social Bots. Bitte entschuldigen Sie die Vor-Wahlkampf-Aufregung!
Außerdem trafen sich auf dem 34C3 Podcast-Machende und Radioschaffende aus dem Themenbereich Wissenschaft und Technik. Beim Betreten des Diskussionsraums dachte ich, das wäre eine brainstorm-artige, interne Diskussionsrunde. Doch dann fand ich mich schneller als erwartet vor der Kamera des Deutschlandfunks wieder. Zum Glück gab es freundliche Personen, die sich in der halben Stunde um meine Tochter gekümmert haben – der ich in dem Video gelegentlich zuwinke. (Hier gibt es das Ganze alternativ zum Hören ohne Winke-Ablenkung.)
https://vimeo.com/249081836
Video: DLF (Ich schreibe die Abkürzung trotz neuem Dlf-Corporate Design weiterhin in Versalien.)
Tweets der Woche
Gleich zwei schöne Visualisierungen des Satzes des Pythagoras:
https://twitter.com/himmelkreis/status/952102920966823936
https://twitter.com/PhysicsVideo/status/951012330183147525
Kurz verlinkt
- Für sehr lesenswert halte ich das zehnseitige Papier, das der Siggener Kreis dieses Jahr erarbeitet hat. Money Quote: „Die Wissenschaft selbst, aber auch die Wissenschaftskommunikation müssen diesen anti-aufklärerischen Entwicklungen mutig entgegentreten: durch integre und gemeinwohlorientierte Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation.„
- Spannendes Interview mit Lucy Patterson über Do-it-yourself Science
- Ein krasser Bericht einer ehemaligen Mitarbeiterin aus dem Facebook-Lösch-Team
Die Augenspiegel-Kolumne
Die Kolumne „Augenspiegel – Webfundstücke rund um die Wissenschaft“ erscheint seit Februar 2014 etwa alle zwei Wochen freitags im Blogportal der Helmholtz-Gemeinschaft. Darin stellt Henning Krause, Social Media Manager in der Helmholtz-Geschäftsstelle, Internetfundstücke aus dem Web 1.0 und dem Web 2.0 vor, die zeigen, wie sich der gesellschaftliche Diskurs um Wissenschaft im Internet abspielt: neue Kommunikationsformen, neue Technologien und Kommunikationskulturen. Bei dieser Kuratierung spielen Blogs, Apps, Facebook, Youtube und Twitter eine Rolle – anderseits auch Internet-Meme, Shitstorms und virale Videos. Etwas ähnliches macht auch das Panoptikum auf Wissenschaftskommunikation.de.




Leser:innenkommentare (1)
Zehn Jahre Wissenschaft auf Twitter – Augenspiegel
[…] auf Twitter begrüßt. Ende 2008 und Anfang 2009 begleiteten wir die SpaceShuttle-Mission, die das europäische Columbus-Forschungsmodul zur ISS brachte, nicht nur im Blog, sondern auch auf Twitter. Schon früh brachten sich die […]