Augenspiegel 46-15: Digitalisierung und Kulturpessimismus
Unter dem anspruchsvollen Titel: „Das Digital-Manifest“ veröffentlichten acht europäische Forscher sowie eine deutsche Unternehmerin in dieser Woche eine umfangreiche Bestandsaufnahme des digitalen Wandels. In einem zweiten Beitrag auf der Spektrum-Webseite erklären sie außerdem, wie die Gesellschaft auf die Digitalisierung reagieren sollte, zum Beispiel: Grundrechte der Bürger müssen auch bei zukünftigen Digitaltrends gewahrt bleiben. Die Autoren fordern eine digitale Agenda (und so etwas scheint damit nicht gemeint zu sein) und Bildungskonzepte für die digitale Welt. Wissenschaftliche Institutionen sollten als Daten-Treuhänderinnen auftreten, deren Mitarbeiter eine Art hippokratischen IT-Eid schwören müssten.
Das alles klingt unterstützenswert. Gleichzeitig sehe ich Entwicklungen in diese Richtung, die die digitalen Trends umarmen statt sich in Kulturpessimismus zu sudeln (siehe den XKCD-Comic oben), bislang am wenigsten von staatlicher, wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Seite sondern am ehesten aus Grasswurzel-Netzbewegungen kommen – von unbezahlten Enthusiasten wie NetzaktivistInnen, Häckern und Häcksen, Wikipedianern, oder Wikimedia-/Open Knowledge-AktivistInnen. Die Abwehrrechte des Bürgers gegen Datenausspähungen, die mir in dem neuen Digital-Manifest hauptsächlich gegenüber der Wirtschaft zu formuliert scheinen, würde ich auch eher gegenüber dem Staat bekräftigt wissen wollen. Gleichwohl – eine Leseempfehlung.
Videos der Woche
Der Breakthrough Prize ist ein hochdotierter amerikanischer Wissenschaftspreis. In der Kategorie Video wurden 2000 Filme eingereicht. Als Gewinner kürten die Organisatoren den 18-jährigen High-School-Schüler Ryan Chester. Hier sein Video über die spezielle Relativitätstheorie:
Video: Ryan Chester
Schon gewusst? Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Arten, wie Lufballons platzen. Man kann sie allerdings nur mit einer Hochgeschwindigkeitskamera unterscheiden:
Video: Sébastien Moulinet
Der bekannte Song des Periodensystems der Elemente wurde aktualisiert – jetzt auch mit dabei die Elemente bis 118:
Video: AsapScience
Weltoffen
In dieser Woche gab es von Hochschulen in ganz Deutschland eine Aktion gegen Fremdenfeindlichkeit. Der Präsident des KIT, Professor Holger Hanselka sagte zum Beispiel: Mit 4500 ausländischen Studierenden und 1000 internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern steht das KIT klar für Weltoffenheit und Toleranz. Wissenschaft lebt vom grenzüberschreitenden Denken und vom offenen Austausch von Ideen und Meinungen zwischen allen Kulturen.“
Jahrestag Kometenlandung
Vor einem Jahr landete die Menschheit erstmals auf einem Kometen. Zum Jahrestag hat die ESA in einem Video rekonstruiert, was bei der Landung von Philae auf 67/P Unerwartetes passierte:
Video: ESA
Und so klang es, als Philae auf der Kometenoberfläche eben jene erforschte:
https://soundcloud.com/esaops/the-sound-of-philae-conducting-science1
Diese ESA hat gestern auch Überlegungen für das absehbare Ende der Rosetta-Mission (also des Orbiters) konkretisiert. Demnach soll die Sonde wohl zum Abschluss der Mission auf dem Kometen gelandet werden. Für eine weiche Landung ist sie allerdings überhaupt nicht ausgelegt – das wird spannend!
Ein Jahr #cometlanding heißt auch ein Jahr #shirtgate. Rosetta-Projektwissenschaftler Matt Taylor war am Landungstag nicht nur als Interviewpartner im Livestream der ESA zu sehen, sondern hatte auch ein Hemd an, auf dem Frauen in sexistischer Art dargestellt waren. Am nächsten Tag entschuldigte er sich unter Tränen in nächsten Livestream. Doch da war die negative Emotionswelle bereits über ihn herein gebrochen. Nature stellt diesen Twitter-Shitstorm nun noch einmal dar.
Wissenschaftskommunikation
Die dpa stellt einen Denkanstoß zum Wissenschaftsjournalismus ins Netz – wohl insbesondere für Redakteure aus lokalen Medien, die keine eigenen Wissenschaftsredaktionen betreiben. In dem Papier stellt Spiegel Online-Ressortleiter Holger Dambeck zum Beispiel dar, dass das SpOn-Wissenschaftsressort in manchen Monaten 50 Millionen Zugriffe und damit etwa zehn Prozent aller SpOn-Klicks verzeichnet. Außerdem stellt Komiker Eckart von Hirschhausen „fünf steile Thesen zur Zukunft des Wissenschaftsjournalismus“ auf. Davon möchte ich insbesondere die zweite unterstreichen: „Wer verständlich ist, ist klar im Vorteil. Wer dabei auch unterhält erst recht!“
In einem lesenswerten Interview gibt Yvonne Bräutigam einen Überblick über die Wissenschaftskommunikation in Social Media. Und unter den PR-Preis-Nominierten ist zu lesen, dass mittlerweile auch an anderer Stelle WhatsApp in der Wissenschaftskommunikation eingesetzt wurde – wenn gleich auch nur in einem zeitlich befristeten Projekt: In Sachsen-Anhalt gab es eine WhatsApp-Studien-Information mit mehr als 1.000 1:1-Chats. Mehr davon!
Die Augenspiegel-Kolumne
Die wöchentliche Kolumne „Augenspiegel – Webfundstücke rund um die Wissenschaft“ erscheint freitags im Blogportal der Helmholtz-Gemeinschaft. Darin stellt Henning Krause, Social Media Manager in der Helmholtz-Geschäftsstelle, Internetfundstücke aus dem Web 1.0 und dem Web 2.0 vor, die zeigen, wie sich der gesellschaftliche Diskurs um Wissenschaft im Internet abspielt: neue Kommunikationsformen, neue Technologien und Kommunikationskulturen. Bei dieser Kuratierung spielen Blogs, Apps, Facebook, Youtube und Twitter eine Rolle – anderseits auch Internet-Meme, Shitstorms und virale Videos.



