Augenspiegel 35-15: #mundaufmachen
Während immer mehr hilfebedürftige Menschen aus Bürgerkriegsregionen in die EU kommen, kommt es in Deutschland seit Wochen zu verachtenswerten Aktionen: Proteste gegen Flüchtlinge, Angriffe auf Ausländer, Nazi-Aufmärsche und Brandstiftungen. Und während die Politik lange schwieg oder nicht die richtigen Worte fand, kam Unterstützung für die Flüchtlinge neben den eigentlich zuständigen aber vielerorts scheinbar überforderten Behörden auch von privaten Gruppen, die sich im Bekanntenkreis und insbesondere über Facebook-Gruppen organisierten. Im Netz versuchen nun auch viele Menschen unter dem Hashtag #mundaufmachen dem Eindruck entgegenzuwirken, die Hass-Streuer, „Ich bin ja kein Nazi, aber …“-Satzbeginner und (geistigen) Brandstifter würden einen nennenswerten Teil unserer Gesellschaft ausmachen. Besonders große Reichweite erzielten dabei zwei Männer, die Besitzern von TV-Geräten (einer Art Vorläufer von Yotube, die die älteren Leser noch kennen könnten) bekannt sein könnten:
Video: Circus HalliGalli
Das wird man wohl noch mal sagen dürfen. Auch die Wissenschaft kann zur Debatte etwas beitragen, wie Hans Rosling mit einer seiner beachtenswerten Visualisierungen zeigt
https://www.facebook.com/gapminder.org/videos/1014061668628791/
Video: Hans Rosling/Gapminder
Die HU Berlin ermöglicht es den Flüchtlingen, als Gasthörer an Veranstaltungen teilzunehmen.
Bereits während der Pegida-Proteste setzte das Dresdner Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik mit einem kurzen Youtube-Video ein Zeichen für Offenheit und gegen Vorurteile und gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Angesichts der aktuellen Übergriffe nicht nur in Sachsen eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass die Wissenschaft international und bunt ist:
Video: MPI-CBG
In diesem Zusammenhang wird die Rolle von Facebook zunehmend diskutiert. Hierzu empfehle ich die Lektüre der beiden Beiträge von Marie van den Benken und Jens Best. Ein Verstecken von Äußerungen löst jedenfalls zugrunde liegende Gesinnungsproblem nicht. Facebook feiert sich gerade selbst, da in dieser Woche zum ersten Mal die Schranke von einer Milliarde Nutzer an einem einzigen Tag überschritten wurde. Insgesamt gäbe es 1,5 Milliarden aktive Nutzer, so Facebook. Nutzer anderer Zahlensysteme mögen mit den Schultern zucken – denn nur im Zehnersystem ist 1.000.000 eine besonders glatte Zahl.
Auf Facebook war es auch, wo die Leibniz-Gemeinschaft etwa verklausuliert Medienkritik an der Berliner Zeitung übte. Diese hatte sich nicht an das im Journalismus üblich Embargo einer Pressemitteilung gehalten. Die Zeitung hatte bereits einige Tage vor der Sperrfrist über nun die final erforschte Todesursache von Eisbär Knut vor vier Jahren berichtet. (Update 3.9.2015) Der Forschungsverbund Berlin hat wegen des Sperrfristbruchs Beschwerde beim Deutschen Presserat gegen Berliner Zeitung und Berliner Kurier eingelegt. Laut dem Forschungsverbund habe die Natur Publishing Group eine „Sperre über die Journalisten des Berliner Verlags“ verhängt. Der DuMont-Verlag sieht die Schuld eher bei den Forschungsinstituten. Und die Webseite Meedia findet die Presserat-Beschwerde skurril.
Tweet der Woche
Wer das Sonnenlicht in einem Prisma in seine Spektralfarben aufspaltet, der sieht alle Farben. Naja, fast alle. Manche Wellenlängen fehlen. Diesen Fingerabdruck oder „Barcode“ hat das ESO schön visualisiert.
In der Kürze liegt die Würze (alte Twitter-Weisheit)
Gute Forschung wird oft zitiert. Aber für die Zitationsquote ist noch mehr relevant: Je kürzer der Titel eines Fachaufsatzes, desto höher die Wahrscheinlichkeit, von anderen Forschern erwähnt zu werden – das ergab eine aktuelle Untersuchung, die 140.000 wissenschaftliche Artikel daraufhin analysierte, wie oft sie in anderen Beiträgen zitiert werden. Ein verblüffende Erkenntnis, oder?
Apropos Twitter: Der sogenannte Kurznachrichtendienst wird auf Konferenzen ja oft als eine Art Metadiskussionsplattform genutzt, auf dem sich TeilnehmerInnen unter einem Hashtag über die Konferenzinhalte austauschen, ohne dass die Nichttwitternden davon irgend etwas mitbekämen. Obwohl dies auf vielen Konferenzen bereits seit vielen Jahren üblich ist, scheint die Diskussion darum erst nun so richtig bei wissenschaftlichen Konferenzen anzukommen. Das Laborjournal berichtet darüber.
Blick in die Blogs
Was können wir aus der diesjährigen Hitze und Dürre über die Folgen des Klimawandels lernen? Diese frage beantwortet Reimund Schwarze drüben in den SciLogs. Und im Fraunhofer IAO-Blog gibt es eine schöne Sommerloch-Story. Auf Daily Dot Geek erschien diese Woche eine Zusammenstellung von zwölf englischsprachigen Youtube-Kanälen zum Thema Wissen beziehungsweise Wissenschaft. Sehr sehenswert, finde ich.
Die KollegInnen der Max Planck-Gesellschaft haben ein schönes neues Imagevideo. Es kommt als Video Scribing-Format á la PhD Comics daher und ist nur sage und schreibe 75 Sekunden kurz. Chapeau!
Video: Max Planck
Alt aber gut
Wie zu schreiben sei – dieses bereits etwas ältere Foto ist mir erst diese Woche aufgefallen. Bitte beachten!
https://www.facebook.com/weirdtalesmagazineonline/photos/a.10151989917255934.1073741825.215132280933/10152359412315934/?type=1
ScienceAMA
Reddit ist im englischsprachigen Raum eine sehr angesagte Web 2.0-Plattform. Und obwohl es auf Reddit auch deutschsprachige Bereiche gibt, gibt es in Deutschland bisher keine große Nutzerschaft. Ein auf Reddit übliches Format ist das so genannte AMA (ask me anything). Dabei stellt sich eine interessante Persönlichkeit den Fragen der Reddit-Nutzer. In den USA haben daran schon Präsident Obama und zahlreiche Hollywood-Größen teilgenommen. Eine Unterform des AMA ist das ScienceAMA, bei dem es um Wissenschaft geht. Das erste deutschsprachige ScienceAMA gab es im Dezember 2014 mit Wissenschaftsautor Florian Freistetter. Gestern nun fand ein eine ScienceAMA mit dem dänischen ESA-Astronauten Andreas Mogensen statt, der kommende Woche zur Internationalen Raumstation fliegt.
WhatsApp-Experiment
In dieser Woche haben wir ein WhatsApp-Experiment mit einem täglichen, kuratierten Wissenschaftsnewsletter auch über Helmholtz hinaus gemacht. Ich freue mich auf Feedback unserer WhatsApp-Abonnenten dazu und werde darüber an dieser Stelle wieder berichten.
Die Augenspiegel-Kolumne
Die wöchentliche Kolumne „Augenspiegel – Webfundstücke rund um die Wissenschaft“ erscheint freitags im Blogportal der Helmholtz-Gemeinschaft. Darin stellt Henning Krause, Social Media Manager in der Helmholtz-Geschäftsstelle, Internetfundstücke aus dem Web 1.0 und dem Web 2.0 vor, die zeigen, wie sich der gesellschaftliche Diskurs um Wissenschaft im Internet abspielt: neue Kommunikationsformen, neue Technologien und Kommunikationskulturen. Bei dieser Kuratierung spielen Blogs, Apps, Facebook, Youtube und Twitter eine Rolle – anderseits auch Internet-Meme, Shitstorms und virale Videos.



