Augenspiegel 28-15: Open Science

KIT Center Elementary Particle and Astroparticle Physics. Credit: Helmholtz Alliance for Astroparticle Physics (HAP), CC-BY-NC-SA 4.0
KIT Center Elementary Particle and Astroparticle Physics. Credit: Helmholtz Alliance for Astroparticle Physics (HAP), CC-BY-NC-SA 4.0

Macht die Forschung frei!„, schrieb Florian Freistetter gestern in seinem Blog und meint damit den freien und kostenlosen Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen für alle, den so genannten Open Access. In der Wissenschaft gibt es ja schon viele Initiativen in diese Richtung, auch wenn noch zu viel unzugänglich publiziert wird. Dagegen sträuben sich natürlich insbesondere die Verlagshäuser, die gerne ihre Gewinnmargen von teilweise mehr als 30 Prozent behalten wollen, obwohl sie ja die Artikelinhalte ebenso kostenlos aus der Wissenschaft geliefert bekommen wie die Begutachtungsdienstleistungen im Peer Review-Verfahren. Und die öffentlich finanzierte Wissenschaft muss dann hohe Subskriptionsgebühren für die Zeitschriften an die Verlage zahlen – für die von ihr erstellten und begutachteten Inhalte – im Digitalzeitalter kaum verständlich.

Ich persönlich unterstütze die Open Access-Forderung ebenso wie andere Aspekte der Open Science-Bewegung: Open Data, Open Peer Review-Verfahren und auch die generelle Öffnung der Wissenschaft hin zum Austausch mit der Gesellschaft. Sehr schön aufbereitete Informationen zu den aktuellen Diskussionen um Open Science bietet übrigens der kostenlose Podcast Open Science Radio.

Wobei ich Florian Freistetter allerdings widerspreche – das ist der zweite Teil seiner Forderung: „Macht die Forschung frei! Oder hört zumindest auf, Pressemitteilungen zu verschicken, wenn deren Quellen nicht frei sind!“ Er argumentiert zusammengefasst so: Wissenschaftsorganisationen und Forschungsinstitute sollen in Pressemitteilungen (mir ist nicht klar in wie weit sich seine Forderung auch auf andere Formate der Öffentlichkeitsarbeit bezieht) nur noch über Forschungsergebnisse berichten, deren zugrunde-liegende Veröffentlichung auch frei zugänglich ist. Denn nur dann könnten Journalisten, Blogger und jeder Interessierte überprüfen, ob die Inhalte der Pressemitteilung wirklich die Studie korrekt wiedergeben. Das stimmt zwar, doch die Folgerung kann und darf deswegen meiner Meinung nach nicht lauten, dass Wissenschaftsorganisationen nicht mehr über closed access-Ergebnisse berichten dürfen.

Ich denke, gerade die größtenteils öffentlich finanzierten Forschungsinstitute müssen über alle ihre Ergebnisse berichten, gerade weil die Öffentlichkeit als Geldgeber ein Anrecht darauf hat. Und zwar nicht nur mit Pressemitteilungen an professionelle Multiplikatoren wie etwa Blogger und Journalisten, sondern auch mit anderen Formaten an die allgemeine Öffentlichkeit wie etwa mit Web-Artikeln, Interviews, Videos, Audios, Grafiken, Comics, Apps, etc.

Die Wissenschaftskommunikation wird zwar die berechtigten Forderungen nach mehr Open Access unterstützen können und sollen. Sie wird aber das Problem, dass wir leider noch nicht bei 100% Open Access sind, nicht lösen. Diese Forderung richtet sich nach meiner Meinung eben nicht zuerst an die Pressestellen (wie Florian es ja dann auch im zehnten Absatz seines Textes schreibt), sondern an die Forscherinnen und Forscher sowie an das Management. Ich glaube Florian Freistetter überfordert hier die Kommunikationsabteilungen und überschätzt deren Einfluss. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Darüber hinaus verstehe ich auch Florians Fokussierung auf das Erscheinen eines Papers als Berichtsanlass nicht. Tatsächlich berichtet die Wissenschaftskommunikation ja auch aus ganz anderen Anlässen, wie man an den vielen Raumfahrt-Ereignissen in Florians Blog sieht: Hier publizieren ja sowohl er als auch die Raumfahrtorganisationen und die beteiligten Forschungseinrichtungen stets aktuell, wenn ein Ereignis wie eine Sonden-Landung passiert. Sie tun dies sofort – und das ist auch gut so – und sie warten nicht, bis Ergebnisse in Journalen Monate später veröffentlicht sind. Sie berichten darüber, auch wenn klar ist, dass die Analysen nicht sofort als Open Access veröffentlicht werden. Und auch das finde ich aus Perspektive der Öffentlichkeit gut und richtig so. Die Wissenschaft muss eben nur beim Thema Open Access selbst voran kommen. (Update: 13.7.2015: Siehe hierzu auch die Diskussion in den Kommentaren unten.)

Und damit kommen wir wie immer im Augenspiegel auf die wissenschaftlichen Web-Fundstücke der Woche zu sprechen. Das schöne Bild oben ist übrigens auch offen: Es stellt die Forschungsgeräte des KIT Center Elementary Particle and Astroparticle Physics dar. Und es steht unter der offenen Creative Commons-Lizenz CC-BY-NC-SA 4.0. Mehr dieser Bilder gibt es bei der Helmholtz Alliance for Astroparticle Physics (HAP).

Pluto bekommt Besuch

Bleiben wir noch ein wenig im Weltraum: Kommende Woche Dienstag fliegt New Horizons an Ex-Planet Pluto vorbei. Bei Astronomie-Blogger Daniel Fischer gibt es eine schöne Zeitleiste der wichtigsten Ereignisse. Die NASA-Sonde ist übrigens seit neuneinhalb Jahren unterwegs. Nature hat einige sehenswerte Infografiken zur Mission. Die NASA fiebert dem Ereignis mit einem emotionalen Video entgegen:

Video: NASA

Tweets der Woche

Bunt gemischt geht es bei den Wissenschaftstweets der Woche zu:

https://twitter.com/MarioVilas/status/618928171874918400

Foto der Woche

Amateurfotograf Dylan O’Donnell hat die Internationale Raumstation fotografiert. Das wäre noch nichts besonderes. Er hat sie fotografiert, wie sie vor dem Mond vorbei zieht. Dafür hatte er nur eine Drittelsekunde Zeit.

https://instagram.com/p/4kdDpgijb0/

https://instagram.com/p/4jMAmYija4/

Neues Antarktis-Blog und Website-Relaunch

Die Helmholtz Blogs haben ein neues Antarktis-Blog: In AtkaXpress berichten die Überwinterer an der deutschen Antarktis-Forschungsstation Neumayer-Station III über ihren Arbeits- und Forschungsalltag an Deutschlands südlichstem Arbeitsplatz. AtkaXpress ist das elfte deutschsprachige Blog in unserem Blog-Portal.

Das Alfred-Wegener-Institut hat diese Woche seine Webseite neu gestaltet. Und die ist sehr sehens- und lesenswerte geworden!

In eigener Sache

Holger Wormer hat Ende Mai in Karlsruhe im Rahmen der Ringvorlesung „Wissenschaftskommunikation erforschen“ einen Vortrag über Informationsqualität zwischen Fachpublikationen, PR sowie alten und neuen Medien gehalten. Seit kurzem gibt es den Vortrag auch im Netz. Etwa in der Mitte des Vortrags, geht Wormer auch auf das Selbstverständnis der Öffentlichkeitsarbeit von Wissenschaftsorganisationen ein und nennt die Helmholtz-Kommunikation als ein Beispiel. Leider nennt er hier eine mehr als drei Jahre alte Äußerung unseres ehemaligen Pressesprechers Thomas Gazlig, die nicht mehr der Kommunikationsstrategie entspricht, die wir seit mehr als zwei Jahren hier verfolgen. Schade dass kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen dem aktuellen Stand den Wissenschaftskommunikation so hinterher sind.

Die Augenspiegel-Kolumne geht für drei Wochen in die Sommerpause. Im August geht es weiter. (Update 14.7.2015) Und weil es bis dahin noch so lange hin ist, hier noch ein schönes, aktuelles Fundstück: Der sechsjährige Merlin fragt sich, warum Pluto kein Planet mehr sein darf und hat ans DLR einen Brief geschrieben. Drüben in den DLR Blogs dokumentieren die Kollegen ihre liebevolle und kindgerechte Antwort. Ein sehr schöne Geschichte. Noch überwältigender aus wissenschaftskommunikativer Sicht sind allerdings die vielen positiven und emotionalen Reaktionen darauf. Der Facebook-Beitrag wurde 10.000 geliked und 2.000 mal geteilt. Binnen weniger Stunden gewann das DLR mehr als 1000 neue Facebook-Freunde. Ich finde ja, das DLR sollte da noch mehr draus machen: Zum Beispiel Merlin und seine Mutter mal zu einem Besuch im Raumfahrt-Kontrollzentrum oder der DLR-Planetenforschung einladen und die Geschichte im Netz weitererzählen.

Die Augenspiegel-Kolumne

Die wöchentliche Kolumne „Augenspiegel – Webfundstücke rund um die Wissenschaft“ erscheint freitags im Blogportal der Helmholtz-Gemeinschaft. Darin stellt Henning Krause, Social Media Manager in der Helmholtz-Geschäftsstelle, Internetfundstücke aus dem Web 1.0 und dem Web 2.0 vor, die zeigen, wie sich der gesellschaftliche Diskurs um Wissenschaft im Internet abspielt: neue Kommunikationsformen, neue Technologien und Kommunikationskulturen. Bei dieser Kuratierung spielen Blogs, Apps, Facebook, Youtube und Twitter eine Rolle – anderseits auch Internet-Meme, Shitstorms und virale Videos.

Leser:innenkommentare (3)

  1. Florian Freistetter

    „Darüber hinaus verstehe ich auch Florians Fokussierung auf das Erscheinen eines Papers als Berichtsanlass nicht.“

    Ich kann das gerne auch ausführen: Es geht nicht um die konkrete Frage, wann man über was berichten soll. Es geht mir um das Prinzip einer Pressemitteilung. Die wird veröffentlicht mit dem Wunsch und der Aufforderung an die Medien, über den Inhalt zu berichten. Aber das kann (zumindest) ich nicht, weil mir trotz PM die nötigen Informationen fehlen. Eine Pressemitteilung kann immer nur ein Hinweis sein, der mir sagt: „Hey, schau mal: Hier wurde interessante Forschung gemacht. Schau dir das mal genauer an und schreib vielleicht was darüber“. Aber wenn die zugrunde liegende Forschung nicht Open Access ist, dann kann ich das nicht machen. Ich könnte höchstens die Pressemitteilung reproduzieren, aber das will ich nicht, weil das für mich keine vernünftige Berichterstattung ist.

    Mir ist schon klar, dass die Pressestellen hier keinen entsprechenden Druck haben und sehen, etwas daran zu ändern. Die „wichtigen“ Medien haben den nötigen Zugang zu der unfreien Forschung ja bzw. kriegen die Artikel vorab unter Embargo. Und die meisten haben nicht den Anspruch, den ich habe: Nämlich das auch der Leser die Möglichkeit haben soll, selbst die Quellen zu betrachten, die einem Artikel zugrunde liegen. Ich gehe auch nicht davon aus, dass die Pressestellen das Problem des Open Access lösen können oder sollen. Aber ich komme mir halt – polemisch gesagt – sehr oft verarscht vor, wenn ich eine Pressemitteilung kriege und dann feststelle, dass ich nur dann herausfinden kann, um was es in der Forschungsarbeit geht, wenn ich absurd viel Geld dafür zahle.

    1. Henning Krause

      Deinen Wunsch, die Hintergründe bis ins die Details nachrecherchieren zu können, kann ich gut nachvollziehen. Viele JournalistInnen rufen ja deswegen dann die beteiligten ForscherInnen an und holen sich bei konkurrierenden Forschungsgruppen Gegenmeinungen ein. All das finde ich genauso angemessen wie Deinen Anspruch, das Original-Paper lesen und Deinen LeserInnen verlinken zu wollen. Doch Deine Forderung nach dem Motto – Wenn das paper nicht Open Access oder als PrePrint öffentlich zugänglich ist, dann sollen Wissenschaftsorganisationen überhaupt keine Pressemitteilung dazu machen. – die schießt meiner Meinung nach deutlich übers Ziel hinaus. Zum einen ist es ja so, dass die Öffentlichkeit grundsätzlich ein Anrecht auf Information durch die öffentlich finanzierte Forschung hat. Und die dann nicht mehr zu informieren, weil man keine Pressemitteilung herausgibt, weil das paper nicht zugänglich ist – das kommt mir wie ein unverhältnismäßiger Kollateralschaden vor. Zum anderen verschwimmt in den vergangenen Jahren nach meiner Wahrnehmung das Genre „Pressemitteilung“ auch zunehmend. Die Fokussierung auf die Zielgruppe (professionelle) Multiplikatoren (also Journalisten/Blogger/Podcaster/…) ist nicht mehr so einfach möglich, weil im Netz alles von allen Interessierten konsumiert wird. Tatsächlich veröffentlichen Kommunikationsabteilungen (könnten wir das Wort „Pressestelle“ bitte mal in den 90ern belassen – wir kommunizieren nicht nur für die „Presse“) ja viel mehr als nur Pressemitteilungen, sondern auch viele Online-Artikel und andere Online-Inhalte, die nicht primär für Multiplikatoren sondern direkt für den Informations-Endverbraucher gedacht sind. Und deswegen verstehe ich auch Deine Fokussierung auf das Genre Pressemitteilungen nicht: Wäre aus Deiner Sicht irgendwas besser, wenn wir genau so weiterkommunizieren, aber eben nicht mehr „PM“ sondern „Webartikel für die Öffentlichkeit“ drüber schrieben?

      Und dann gibt es eben auch Multiplikatoren, wie JournalistInnen und Blogger, die (noch?) nicht Deinen Anspruch haben, die paper selbst lesen und für ihre Quellen verlinken zu können, denen es eventuell reicht, wenn Sie mit den ForscherInnen telefonieren und sich dann noch eine Gegenmeinungen aus der Wissenschaft telefonisch einholen. Die haben aus meiner Sicht auch ein legitimes Interesse, über eine Pressemitteilung von uns informiert zu werden. Wenn wir, wie Du es forderst, all diese Pressemitteilungen jetzt sein lassen, werden diese Ansprüche nicht mehr bedient. Ein solches Totschweigen von Forschung kann nicht die Lösung sein! Die Lösung kann doch nur sein, dass die Wissenschaft selbst (und da sind aus meiner Sicht insbesondere die ForscherInnen selbst und das Wissenschaftsmanagement angesprochen), möglichst schnell auf sofortigen OpenAccess umsteigt. Dieses Problem bei den Kommunikationsabteilungen zu verorten, ist aus meiner Sicht viel zu kurz gesprungen.

      Und dann gibt es natürlich auch viele Pressemitteilungen aus der Wissenschaft, die sich überhaupt nicht auf irgendwelche paper-Erscheingungen beziehen. Gerade im Raumfahrt-Bereich gibt es doch viele Ereignisse, die aktuell passieren (Beispiel Landung oder Vorbeiflug einer Sonde an einem Himmelskörper). Diese Informationen gibt eine Wissenschaftsorganisation dann aktuell per Pressemitteilung heraus. Das tun sie meiner Meinung nach auch zurecht, selbst wenn die zugrunde liegenden Daten dann nicht frei zugänglich sind. Und auch, wenn später dazu erscheinende Veröffentlichungen nicht offen verfügbar sein werden. Willst Du solche Pressemitteilungen ernsthaft verbieten? Das geht aus meiner Sicht nicht. Das closed access-Problem muss die Wissenschaft lösen – ja! Aber nur weil das noch nicht gelöst ist, können und dürfen wir die Öffentlichkeit und die Multiplikatoren nicht von Informationen ausschließen. Selbst wenn die eben leider nicht hunderprozentig vollumfänglich sind.

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