Ein Tag im Leben der … Stationsärztin
Moin und hallo zusammen. Heute nehme ich, Anja, euch mit auf den Weg durch meinen Alltag. Anders als bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sehen meine Tage vom Ablauf her sehr unterschiedlich aus. Wenn alles glatt läuft, habe ich als Ärztin wenig zu tun. Dann bin ich eher in meiner Funktion als Stationsleitung beschäftigt, d. h. vor allem Administration, Öffentlichkeitsarbeit und Aufräumen. Oder ich stehe den anderen z.B. für Meereis- oder Pegelfeldmessungen zur Verfügung. Dann starten wir mal!
Um 6:15 h klingelt mein Wecker. Wenn ich morgens noch Sport machen will, stehe ich dann auch auf. In dieser Woche sind aber wieder die Blutuntersuchungen für die medizinischen Studien, an denen wir hier für die Charité (Berlin) und die Ludwig-Maximilian-Universität (München) teilnehmen. Dann wird es mit dem Sporttreiben morgens zeitlich eng. Also stehe ich erst um 7:00 h auf. Auf dem Weg zum Hospital auf Deck1 mache ich einen Abstecher zur Messe auf Deck 1 und begrüße Laura, unsere fleißige Köchin, die längst in der Küche wirbelt. Mein 2. Blick gilt dann dem Messemonitor, um mich über das Wetter und die Windverhältnisse zu informieren. Nach sehr kalten und ruhigen Tagen in der letzten Woche, es wurden bis -42°C gemessen, ist es nun wieder viel stürmischer, damit aber auch milder. -15°C und 37 Knoten Windgeschwindigkeit, so dass die gefühlte Temperatur draußen -30°C beträgt. Ungemütlich!
Um 7:45 h kommt der erste Proband zur Blutabnahme, bis Viertel nach acht sind die anderen drei für heute vorgesehenen auch eingetrudelt. Nach den Blutabnahme teile ich die Fragebögen für die verschiedenen Testbatterien aus. Anschließend gehe ich zur Messe, unserem Speisesaal, trinke meinen ersten Becher Kaffee und treffe diejenigen Teammitglieder, die morgens hier frühstücken. So sehe ich schon mal die Hälfte der Truppe und weiß, wie es ihnen geht. Mit meinem zweiten Becher Kaffee gehe ich zurück in mein Büro und lese die Emails. Manches wird sofort beantwortet, manches braucht etwas Zeit. Weiter geht es nun um 9:00 h im kleinen Hospital, das in dieser Woche als Labor dient. Die Blutproben müssen zentrifugiert, pipettiert und portioniert und anschließend bei -40°C eingefroren werden.

Die Proben werden im nächsten Jahr, wenn das Schiff die Rückfracht von der Neumayer-Station abholt, in einem Reefer, einem speziellen Kühl-Container, verstaut. So erreichen sie weiterhin bei -40°C gefroren ihren Zielort Bremerhaven im Frühjahr 2025.
Heute mache ich zudem in der Mitte des Winters eine kleine Laboruntersuchung von allen hier vor Ort. Die Befunde kann ich bei Auffälligkeiten später mit den jeweiligen Teammitgliedern besprechen.
Inzwischen ist es 11:00 h. Weiter geht es mit dem Dampf-Autoklav. Alle Instrumente, die ich im OP oder bei Zahnbehandlungen benutze, muss ich auch selber wieder sterilisieren. Vor drei Tagen habe ich die monatlichen Trinkwasseruntersuchungen gemacht. Dabei entnehme ich immer an verschiedenen Stellen in der Station (Küche, Messe, Bäder) das Leitungswasser, das dann auf eine mögliche Keimbelastung hin untersucht wird. Die Proben waren unauffällig und wurden entsprechend dokumentiert. Nun müssen die Probengefäße für die nächste Untersuchung wieder sterilisiert werden. Dazu werden sie in spezielle Sterilisationsbeutel eingeschweißt, anschließend werden im Autoklav mittels Dampf und hoher Temperaturen alle Mikroorganismen abgetötet.
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Vor dem eigentlichen Sterilisationsvorgang muss ein Vakuum-Test sowie eine Leistungsüberprüfung mittels B&D-Test durchgeführt werden. Beide sind fehlerfrei, also kann ich starten.
Um 12:30 h gibt es Mittagessen, zu dem sich in der Regel alle, die nicht außerhalb der Station beschäftigt sind, einfinden. Heute gibt es Kassler mit Sauerkraut, für die Vegetarier veganen Hackbraten mit Nüssen. Nach dem Essen wird gemeinsam gespült und die Küche aufgeräumt, dann geht es gegen 13:30 h zurück ins Hospital. Das Sterilgut wird entnommen, der Kontrolltest ist in Ordnung.
Es ist jetzt 14:00 h, zurück in meinem Büro setze ich die in diesem Monat begonnene Inventur der Medikamente fort. Mehr als 300 Medikamente stehen mir zur Verfügung. Der Bestand muss hinsichtlich der Mengen und Ablaufzeiten erfasst werden. Anfang September wird dann die Bestellliste nach Bremerhaven geschickt, so dass alles Notwendige für die Schiffsverladung im November rechtzeitig bestellt werden kann.
Ab 16:00 h befasse ich mich mit heute mit Pinguin-Eiern. Im Auftrag des UBA (Umweltbundesamt) sollen bis zu 15 verlassene oder verlorene Pinguin-Eier gesammelt werden. Über mehrere Jahre wird mit Hilfe der Eier ein systematisches Monitoring chemischer Schadstoffe in der Polarregion durchgeführt. Vor 3 Tagen haben wir die ersten beiden Eier gefunden. Der Fundort wurde mittels GPS erfasst, die Aufbewahrung erfolgt hier in einer Gefriertruhe. Ich nehme nun die Eier, um sie zu fotografieren und zu röntgen.
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Tiefgefroren werden sie dann, wie die anderen Proben auch, im nächsten Sommer nach Deutschland geschickt.
Bevor ich mit dem Aufräumen beginne, kommt noch jemand mit Beschwerden. Nach kurzer Untersuchung wird für morgen eine Kontrolle vereinbart.
Dann ist es schon Zeit für unsere 18 Uhr-Besprechung. Wir klären die Besonderheiten vom heutigen und die Planung für die kommenden Tage. Benötigt z. B. jemand Hilfe bei Außen- oder Feldarbeiten, oder wann kann die Rampe zur Tiefgarage nach dem Sturm für Ausfahrten wieder geöffnet werden. Um 18:30 h geht‘s zum Abendessen, die Zeit reicht vorher noch für eine schnelle Partie Billard mit Andrey. Nach dem Essen kommt noch der immer von lauter Musik begleitete Abwasch, und dann ist Feierabend.









Leser:innenkommentare (4)
Katrin Schmitt
Moin,
Vielen Dank für den tollen Bericht.
Wenn alle Blutproben eingefroren werden, könnt Ihr dann vorort überhaupt eine Analyse durchführen? Bzw. anders herumgefragt, welche Analysegeräte stehen Euch für die Sofortuntersuchung zur Verfügung?
Vielen Dank und ich freue mich auf den nächsten Bericht.
Viele Grüße aus Dänemark,
Katrin
Anja
Moin Katrin, danke für Dein Interesse und Deine Fragen. Mit den Blutproben verhält es sich unterschiedlich, je nachdem ob sie für die Studien oder aber die Betreuung meines Teams gedacht sind. Für die Studien werden die Proben z.T. als Vollblut oder auch Serum eingefroren. Andere müssen hier erst aufwendig vorverarbeitet, z.B. erst inkubiert und mit Antigenen versetzt werden. Bei anderen werden nach einigen Laborschritten Immunzellen extrahiert. Sie werden dann aber ebenfalls für weitere Laboruntersuchungen eingefroren und im nächsten Jahr in München und Berlin weiter verarbeitet. Ich selber kann hier mit 2 Laborgeräten ein normales Blutbild sowie eine Art Grundausstattung der klinischen Chemie durchführen, das heißt z.B. Leber- und Nierenwerte oder auch Elektrolyte überprüfen. Das ist für die Betreuung des Teams eigentlich ausreichend. Wir haben ja vor der Überwinterung alle eine ausführliche Untersuchung durchlaufen, so dass ich es hier prinzipiell mit „Gesunden“ zu tun habe.
Herzliche Grüße vom Süden in den Norden von
Anja
Reiner Gerke
Vielen Dank für den Einblick in Ihren Tagesablauf. Auch als langjähriger Leser des AtkaXpress erfahre ich immer wieder interessante Details Ihrer Arbeit. Ich frage mich, wie sich ein geschützter Lebensraum anfühlt, wenn draußen -40° herrschen und Wind in Orkanstärke um die Station fegt. Wackelt da die ganze Bude? Und manche Außenarbeiten müssen ja erledigt werden, egal wie das Wetter ist. Eine ÜWi hat mal den Marsch zum Spuso in Dunkelheit, bei Schneetreiben und Wind in Orkanstärke beschrieben. Das war sehr authentisch und mir gruselt es heute noch.
Ich hoffe, dass Ihr gut über die Zeit kommt.
Viele Grüße von Reiner Gerke
Anja Weber
Lieber Herr Gerke, es ist tatsächlich so, dass die ganze Station wackelt, wenn es draußen stürmt, das beginnt etwa bei 25-30 Knoten, also etwa bei 50 km/h Windgeschwindigkeit. Wir haben auch schon deutlich über 135 km/h gemessen, da hält es einen draußen kaum auf den Beinen. Wenn so ein Sturm ein paar Tage angedauert hat, schwingt man innerlich zunächst noch weiter mit – wie nach einer längeren Bootstour. Geschützt fühlt man sich hier drinnen aber auf jeden Fall, gerade wenn es draußen bitter kalt und stürmisch ist. Und ja, unser „Luftchemiker“ muss tatsächlich bei (fast) jedem Wetter zu dem 1,5 km entfernten Observatorium laufen. Das ist bei Sturm und Schneetreiben anstrengend, aber eben auch besonders. Und es hält ziemlich fit…
Danke für die guten Wünsche, ich bin guter Dinge, dass wir hier auch die zweiter Hälfte unseres Aufenthaltes gut meistern werden.
Herzliche Grüße von
Anja Weber