Nicht vergessen: 24.12. Weihnachten
So sagt es uns ein kleines rotes Magnetschild an der Wand im Flur des ÜWI-Schlafzimmertraktes. Eine äußerst berechtigte Ermahnung, denn wir haben alles Mögliche im Kopf, bloß nicht Weihnachten. Unsere Überwinterungs-WG am Ende der Welt hat sich in eine Herberge/Labor/Büro/Baustelle für 50 Leute verwandelt, die große ruhige Station in einen summenden Bienenstock. Es ist Sommer in der Antarktis. Die Sonne scheint jetzt Tag und Nacht. Flugzeuge mit Kufen landen vor unserer Haustür und bringen Menschen, Ausrüstung, Forschungsmaterialien, technische Ersatzteile und Salatgurken. Die „Polarstern“ mit dem Jahreseinkauf ist auf dem Weg zu uns und gelegentlich haben wir das AWI-eigene Flugzeug, die „Polar 5“, auf dem Hof. Es ist verrückt – aber auch ziemlich spannend. Die Hydraulikstützen der Station werden erhöht, Umbauarbeiten gemacht, Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen legen mit spannenden Forschungsprojekten los, Inlandsexpeditionen starten. Alle haben viel vor, die Projekte sind von langer Hand geplant und gründlich vorbereitet. Spezialistinnen und Spezialisten aus den Bereichen Geophysik, Meteorologie, Technik, Veterinärmedizin, Luftchemie, Wissenschaftstechnik, Glaziologie, Meereisphysik, Fahrzeugtechnik, Biologie, Raumfahrttechnik, IT-Technik, dazu Kameraleute, Flugzeugcrews und viele mehr sitzen jetzt mit uns am Esstisch. Menschen aus Deutschland und Österreich, Frankreich, Kanada, Island, England, den Niederlanden und den USA, die es für ihre Arbeit alle auf die Neumayer-Station in die Antarktis, verschlagen hat. Es ist irre viel zu tun und es wird Tag und/oder Nacht gearbeitet, je nachdem, wann sich gute Wetterbedingungen bieten. Hell ist es ja immer.
Aus der bunten Mischung an Menschen und Berufen ergeben sich tolle Gespräche und manches Mal unkonventionelle Kooperationen. Der Arctic Truck Reparateur hilft beim Höhersetzen des Meteorologie-Messfeldes, die Chemieingenieurin beim Ausbuddeln der Infraschall-Sensoren vom „Weltfrieden“-Projekt, die Raumfahrtingenieurin und Weltraumgärtnerin beim Beflaggen der Flugzeuglandepiste. Schon bald entwickelt sich ein kunterbuntes Abendprogramm. Wir ÜWIs zeigen Filme aus unserer Überwinterung – inklusive selbstgedrehtem Werbespot für den hauseigenen Friseur (Hannes); Wissenschaftler berichten über ihre Forschungsprojekte und halten in gemütlichem Kreise in der Lounge Vorträge über spektakuläre Wetterballons, über Eisforschung, Robben und Expeditionen; Geburtstage werden gemeinsam gefeiert, Markus hält einen Vortrag über die physikalische Entstehung von Schneeflocken, Kameraleute veranstalten für uns eine Sneak-Preview von ihren Aufnahmen und Christoph, seines Zeichens Biologe, gibt ein wunderbares Klavierkonzert. Ziemlich toll und ziemlich viel los.
Und Weihnachten? Weihnachten haben wir erst auf dem Schirm, als sich Weihnachtsmarkt-Fotos aus der Heimat häufen und Interviewanfragen dazu, wie wir hier eigentlich Weihnachten feiern. Wie feiern wir eigentlich Weihnachten? Allem Schnee und Eis zum Trotz – bei Tag und Nacht gleißender Helligkeit ist es hier einfach nicht weihnachtlich. Kurz vor knapp legen wir doch noch los und plötzlich kommt so etwas wie Weihnachtsstimmung auf. Es gibt eine Wichtelgruppe für Geschenke: jeder zieht einen Namen und beschenkt denjenigen mit etwas Selbstgebasteltem, denn einkaufen können wir ja nichts. Die Geschenke, meist mit Frachtpolsterpapier, abgelaufene Krankenhausabdeckung oder Küchenrolle verpackt, liegen unter dem üppig geschmückten Plastik-Weihnachtsbaum in der Lounge. Der Speisesaal wurde prächtig hergerichtet, die Tische zu einem großen U gestellt und mit weißen Tischdecken und Weihnachtsdeko festlich gedeckt. Menükarten mit dem Logo unserer Überwinterung und dem Logo der „neuen“ ÜWIs (denn die sind jetzt auch schon da!) werden gedruckt.

Werner und Eva (die Köchin des neuen Überwinterungsteams) haben alles gegeben und ein phantastisches Menü gezaubert. Drei Freiwillige servieren und gehen richtiggehend in ihrer Kellnerrolle auf. Es gibt einen Gruß aus der Küche mit frischem Baguette, als Vorspeise vegane Tomatensuppe, gefolgt von Gänsebrust nach fränkischer Art mit hausgemachten Klößen und Rotkraut, als veganen Hauptgang Gemüsecurry mit Basmatireis. Zum Nachtisch gibt es vegane Panna Cotta oder Mousse au Chocolat (für geschickte Verhandler sogar beides).

Der weitere Abend setzt sich in der Lounge fort, die aufwändig geschmückt wurde. Neben dem Weihnachtsbaum gibt es einen Weihnachtsmann, der sich vor dem Fenster abseilt, einen Weihnachtsengel („Oswald“, das Maskottchen vom SEAEIS-Forschungsteam fand endlich seine wahre Berufung), auf dem großen Bildschirm flackert ein Kaminfeuer und von der Decke hängen selbstausgeschnittene Schneeflocken aus Druckerpapier.

Die Krönung des Abends ist ein Klavierkonzert. Derart fern aller kulturellen Veranstaltungen ist es ein besonderes Geschenk und macht für viele Weihnachten erst zu Weihnachten. Das anschließende Geschenkeauspacken und Wichtel-raten mündet in einem gemütlichen Abend in der Lounge. So mancher geht noch raus auf’s Dach (weil‘s mal wieder zu schön ist draußen) und bestaunt die helle Weite, die Aussicht auf die zugefrorene Atka-Bucht und die Eisberge. Die Mitternachtssonne steht hoch am Himmel, ein Schneesturmvogel gleitet blitzschnell vorbei und in der Ferne sieht man ein paar versprengte Pinguine herumstehen und auf die Mauser warten. Stille Nacht, heilige Nacht auf antarktisch.






Leser:innenkommentare (1)
Meike Trautmann
Sehr schön🥰