Mission Utpostane

Gelandet bei Utpostane (Alicia Rohnacher)

Wir schauen aus dem Fenster, die Rotoren brummen, Wolken ziehen vorbei. Leichter Druck ist auf den Ohren, als das Flugzeug langsam seine Höhe verringert. Und dann – Berge! Schwarze Spitzen, kantig und rau, ragen aus der weißen Fläche. Seit einem Jahr gab es für uns nur Schnee in allen Richtungen, Bergen aus Eis und als Abwechslung nur offenes Wasser in weiter Entfernung. Dieses Landschaftsbild lässt nun unsere Herzen höherschlagen. Wir drehen eine Runde über eine halbkreisförmige Ansammlung von Bergen und setzten dann zur Landung an. Der Schatten des Flugzeugs auf dem Schnee wird größer, einen Moment schwebt das Flugzeug in kleiner Höhe über dem Boden, jede Unebenheit und kleine Sastrugis sind erkennbar. Dann setzten die Ski-Kufen des Flugzeugs auf, es wackelt ein wenig und die Maschine steht. Wir haben unseren Zielort „Utpostane“ erreicht.

Flug über dunkle Spitzen in weißem Schnee. Endlich Berge! (Foto: Alicia Rohnacher)
Endlich gelandet bei Utpostane, Blick von unserem Steinhaufen. (Foto: Alicia Rohnacher)

Utpostane (norwegisch für „Außenposten“) ist eine Ansammlung von Bergspitzen, die über dem Gletscher herausschauen und sich etwa 450km südwestlich von Neumayer befinden. Auf der kleinsten Spitze, tatsächlich nicht mehr als ein steiniger Hügel, befindet sich eine seismische Messstation, die der Grund für unseren Besuch ist. Wir, das sind Jölund, Benita und ich (Alicia) werden uns in den nächsten Tagen um die Energieversorgung der Station kümmern, da bei der letzten Wartung festgestellt wurde, dass der Mast mit Windgenerator und Solarzellen durch einen Sturm beschädigt und umgefallen war. Seitdem lief die Station nur mit einer Solarzelle und Batterien – einmal am Tag konnte sie uns ein kleines „Hallo, ich bin noch am Leben“- Zeichen und Informationen zur Spannung der Batterien über Satellit schicken, aber alle Daten sind noch lokal gespeichert und wir sind gespannt, was alles detektiert wurde. Unser Messinstrument (ein Seismometer) misst die Erschütterungen im Untergrund und wird daher zur Detektion von Erdbeben verwendet. Wir gehen davon aus, dass wir in den neuen Daten Signale von Erdbeben weltweit finden, aber auch von (Eis)Beben, die in der Nähe aufgetreten sind.

Aber erstmal müssen die Daten noch ein bisschen warten… Unser Abflug an Neumayer hatte sich verzögert und wir landen erst um 22:30 Uhr. Mit den Piloten wird alles aus dem Flugzeug geladen, noch ein letztes Mal winken und dann startete das Flugzeug. Da stehen wir nun mit unseren Werkzeug-Kisten und Taschen. Weit und breit keine andere Menschenseele. Nur ein paar Skuas und Schneesturmvögel segeln am Himmel. Die nächste Antarktisstation (Aboa, von den finnischen Kollegen) ist zwar „nur“ 100km von uns entfernt, aber man fühlt sich noch weiter von der Realität entfernt, als sowieso schon in der Antarktis.

Unser Arbeitsplatz von oben. (Foto: Jölund Asseng)
Zwei Schneesturmvögel kommen uns besuchen. (Foto: Benita Wagner)

Wir machen uns daran, das Camp aufzubauen und beim nächsten Blick auf die Uhr ist es schon kurz nach Mitternacht. Trotzdem steht die Sonne noch hell am Himmel- wir haben momentan Polartag. Nach einer kleinen Runde Tee im Windschatten der Zelte war trotz aller Aufregung die Müdigkeit übermächtig und der Schlafsack erschien als sehr reizvoller Ort für die nächsten Stunden.

Beim Camp-Aufbau darf die Outdoor-Toilette mit einzigartiger Aussicht natürlich nicht fehlen. (Foto: Alicia Rohnacher)

 

Gut getarnt beim Zeltaufbau. (Foto: Jölund Asseng)

Übrigens – häufig hört man ja davon, dass es in der Antarktis so still wäre… Ha, von wegen! Natürlich gibt es in der Antarktis kaum menschengemachte Geräuschquellen und es gibt Momente, in denen man nur das eigene Blut in den Ohren rauschen hört. Aber bei Wind kann man das mit der Stille vergessen. Vor allem im Zelt, wie es mir wahrscheinlich jeder bestätigen kann, der schon einmal campen war. Wir lagen also in unseren warmen Schlafsäcken, lauschten dem Rascheln des Zeltes und sehnten uns nach der oft gerühmten Ruhe der Antarktis.

Mit Buff über den Augen gegen die Helligkeit und abnehmendem Wind war die Nacht tatsächlich einigermaßen erholsam. Nach einem schnellen aber leckerem Porridge (mit den letzten eingemachten Kirschen, die wir vor Abreise aus dem Vorratslager geplündert hatten… Sorry Werner :D ) starten wir in den Tag.

Es ist Zeit fürs Frühstück! (Foto: Benita Wagner)

Nach der ersten Datenkontrolle sind wir erleichtert; die Daten unseres wichtigsten Instrumentes wurden seit des letzten Besuchs 2018 verlässlich aufgezeichnet. Nur in der Polarnacht ist die ganze Station in den „Winterschlaf“ gefallen, da ihr ohne die Sonne nicht genug Energie zur Verfügung stand. Wir machen uns also erstmal ans Aufräumen. Die kaputten Elemente vom Mast werden demontiert und ins Lager gebracht, altes Abspannmaterial wird entfernt. Zum Glück haben wir eine Pulka (eine Art Plastikwanne) dabei, mit der man Geräte und Werkzeuge auch gut den Hügel hinaufziehen kann. Vor allem der Transport der schweren Batterien wird dadurch eindeutig leichter.

In den nächsten zwei Tagen wird also geschleppt, geschraubt, gebastelt und gemeißelt (die Kabel sind teilweise im Eis eingefroren) und die Zeit vergeht wie im Flug. Auch das Zeitgefühl geht verloren: den ganzen Tag scheint die Sonne. Nur der hungrige Magen bringt ein wenig Struktur in den Tag und als wir abends in unsere Zelte krabbeln, ist es auch schon wieder weit nach Mitternacht.

Benita befestigt die neuen Solarzellen am reparierten Mast. (Foto: Alicia Rohnacher)

Vielleicht noch ein paar Worte zu dem Steinhaufen, auf dem wir unser Seismometer aufgebaut haben. Der Ursprung des vorliegenden Gesteins liegt in großer Tiefe. Es handelt sich um so genannte Plutonite, die im Erdinneren aus Magma langsam auskristallisiert sind. Mit bloßem Auge sind verschiedene Minerale zu erkennen, vor allem Olivin schimmert teilweise grünlich im leicht bröseligen Gestein hervor. Spannend ist, dass Geologen dieses und anderes basaltisches Gestein der Umgebung mit Funden in Südafrika in Verbindung bringen können. Das legt nahe, dass sich diese Regionen vor dem Auseinanderbrechen des Kontinents Gondwana, nah beieinander befunden haben. Da war „Kapstadt“ dann quasi in Laufweite…

Unabhängig von der wissenschaftlichen Bedeutung des Gesteins hat dieser Ort vor allem für Benita und mich noch eine ganz andere Bedeutung: Das ist das erste Mal seit knapp einem Jahr, dass wir so richtig festen Boden unter den Füßen haben! Davor waren wir die ganze Zeit nur auf (meist) schwimmendem Eis unterwegs. Klar, auch das fühlt sich stabil und fest an, aber zum ersten Mal können wir wieder über Steine klettern und Geröll stolpern. Beides machen wir natürlich ausgiebig und Benita weiht auch die ersten Boulder-Routen ein. Außerdem bewundern wir die kleinen Flechten, die sich an diese unwirtlichen Bedingungen angepasst haben. Es ist hier so ganz anders als in „unserer“ Antarktis.

Kaum zu glauben, aber auch in der Antarktis gibt es Flechten! (Foto: Alicia Rohnacher)

 

Es ist vollbracht! Alle Daten sind gesichert, die Batterien getauscht und der Mast neu aufgebaut – wir haben es geschafft! (Foto: Alicia Rohnacher)

Nach zwei Tagen ist die Arbeit getan und wir geben den Piloten des Flugzeugs Bescheid. Wie am Flughafen sitzen wir auf unseren gepackten Koffern und warten auf den Flieger, der vor seiner Landung noch eine extra Runde über unseren Köpfen dreht.

Die Ankunft an Neumayer fühlt sich wie nach Hause kommen an.

Alicia

 

Das „Taxi“ ist wieder da und es geht zurück nach Hause. (Foto: Alicia Rohnacher)

Leser:innenkommentare (2)

  1. Thomas Staedler

    Wir wünschen euch allen, aber besonders Werner ein gesegnetes Weihnachtsfest. Vielen Dank für die tollen Bilder. Grüße aus Grub am Forst. Familie Städler

  2. Meike Trautmann

    Wieder sehr interessant, man kann immer noch dazu lernen! Sehr schön🥰

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