Antarktis-Blog: AtkaXpress

Polarnacht, die dunkle Jahreszeit …

Servus zusammen …

wir haben die vergangenen zwei Tage seit längerem mal wieder einen richtigen Sturm mit Windgeschwindigkeiten bis zu 75 Knoten erlebt, das entspricht knapp 140 Stundenkilometern. Kein Problem, ich habe ja inzwischen die Ohropax griffbereit neben dem Bett für die Nachtruhe und das bisschen Schaukeln und Vibrieren der Station schmeißt einen auch nicht um … – das dachte ich zumindest am Anfang, als es noch 50 Knoten Windgeschwindigkeit waren. Aber ab 65 Knoten Windgeschwindigkeit ist das Szenario doch sehr eindrucksvoll und wenn die Böen mit 75 Knoten auf die Station einbrettern, erzeugt es zumindest bei mir auch ein mulmiges Gefühl.

Kracht da nicht irgendwas auf dem Dach? Ist vielleicht eine Antenne abgerissen? Vielleicht mal nachschauen? Aber das Krachen hat wieder aufgehört … Auf den Monitoren gibt’s keine größeren Ausfälle, jetzt kommt ein komisches Geräusch aus einem der Lüftungstunnel, das aber auch wieder vergeht. Im Sturm lauscht man auf viele Geräusche, die man nicht einordnen kann, weil sie einem nicht so vertraut sind. Und es gibt ständig neue Geräusche, die das Fauchen des Sturms übertönen. Aber bei Windgeschwindigkeiten ab 70 Knoten geht man nur noch im absoluten Notfall raus und nicht bei jedem ungewohnten Geräusch … Ich war mal mit draußen, als Roman und Mario bei 45 Knoten eine Antenne auf dem Dach neu abgespannt haben, im Vergleich zu diesem Sturm jetzt war das ein laues Lüftchen. Aber wenn man da draußen gesichert auf dem Dach liegt, pfeift einem der Wind auch mit 45 Knoten ganz gut um die Ohren …

Dacharbeiten bei 45 Knoten (Foto: Klaus Guba)

Die vergangenen zwei Wochen hatten wir nur wenig Wind, öfters die Sonne (wenn auch immer in kürzeren Abständen), dafür aber auch öfters Temperaturen unter minus 40 Grad. So konnten wir noch einige Außenarbeiten erledigen wie zum Beispiel das Hochsetzen der Messstationen. Ebenso konnten wir noch eine neuerliche Inspektion der Meereis- und der Pingirampe, unsere zukünftigen Zugänge zum Meereis, durchführen. Normalerweise hat die Schelfeiskante eine Höhe von 10-12 Meter. Im antarktischen Winter bilden sich jedoch durch die Schneedrift der vorwiegenden Ostwinde an der Westseite der Bucht Pressschneerampen, über die man mit Schneekatzen dann „bequem“ auf das Meereis fahren kann. Gesichert am Seil haben wir am Rand der Schelfeiskante die Rampen inspiziert, die sich schon fast vollständig gebildet haben, und mit Flaggen markiert. Jetzt heißt es nochmal 10 bis 14 Tage warten und dann kann gegebenenfalls das Meereis für die geplanten Messungen der Meereisdicke freigegeben werden nach Rücksprache mit dem AWI in Bremerhaven.

Schelfeiskante (Foto: Noah Trumpik)

Schelfeiskante am Nordanleger im antarktischen Sommer mit einer Höhe von 10-12 m

An der Schelfeiskante (Foto: Klaus Guba)

Flaggensetzen an der Schelfeiskante der Meereisrampe (am Seil gesichert)

Meereisrampe (Foto: Klaus Guba)

Blick auf die bereits gut angewehte Meereisrampe mit kleinem Riss und Auskolkung

Alte Pingirampe nördlich (Foto: Klaus Guba)

An der Pingirampe zeigt sich noch ein deutlicher Riss und eine Stufe auf’s Meereis von ca. 1,5 m Höhe.

Bei der Erkundung der Pingirampe haben wir natürlich auch einen kleinen Zwischenstopp bei SPOT, dem Pinguinobservatorium, eingelegt, um dort nach dem Rechten zu sehen und auch mal wieder andere Lebewesen zu sehen. Die Kaiserpinguine schauen noch recht vergnügt aus und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Und immer noch marschieren viele aus dem Meer zur Partnerbörse Atkabucht …

Zuzug2 (Foto: Julia)
SPOT  (Foto: SPOT)

Panoramabildauszug der hochauflösenden Kamera des automatischen Pinguinobservatoriums SPOT, im Hintergrund rechts hinten die Kaiserpinguinkolonie.

Ansonsten gab es wieder die übliche Monatsroutine, allerdings mit dem Unterschied, dass die Tage immer kürzer wurden und der Countdown zur Polarnacht plötzlich einstellig wurde. Am 20.05.20 war es dann soweit laut unserem Messmonitor. Der letzte Sonnenuntergang sollte um die Mittagszeit stattfinden … aber statt Farbenspiel sahen wir nur nur dichte Wolken und Nebel. Manchmal kommt’s anders als man es sich vorstellt, aber auch das ist Antarktika …

Am 21.05.20 dann Vatertag: Ich bekomme Nachrichten meiner Töchter, die Gedanken schweifen nach Hause ab. Zur Ablenkung warte ich das Zahnarzt-Equipment und einen alten OP-Sauger – vom Design her dürfte der Sauger bereits 20 Jahre alt sein, funktioniert aber nach wie vor tadellos … Ich muss grinsen, wenn ich daran denk, wie ich früher im medizinhistorischen Museum in Ingolstadt solche Sachen gesehen habe.

Und dann gegen Mittag kommt plötzlich die Sonne … entgegen der gestrigen Ankündigung der Polarnacht möchte sie sich doch noch von uns verabschieden, hatte wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen sich einfach so zu verdünnisieren …

Und jetzt sind wir in der Polarnacht und gehen Richtung Mittwinter am 21.06.20. Bei dem Gedanken daran fällt mir immer der Songtext von „Ton Steine Scherben“ ein: „Wenn die Nacht am tiefsten ist der Tag am nächsten“. Oder die ersten Zeilen eines Gedichts von Johann Wolfgang von Goethe:

Dämmrung senkte sich von oben,                                                                                                                                  schon ist alle Nähe fern,                                                                                                                                                    doch zuerst emporgehoben                                                                                                                                              holden Lichts der Abendstern …

Aber Musik gibt mir persönlich mehr als Dichtung … Goethes Gedicht war für mich mehr zwanghaftes Auswendiglernen in der Schulzeit. Ich wundere mich beim Niederschreiben der Zeilen, dass ich mich noch an die ersten Reime erinnern kann. Und die Worte klingen jetzt viel schöner als in der Schulzeit und ergeben plötzlich Sinn … Ich habe mal in den alten Blogs gestöbert, im Blog der Überwinterung 2017 hat einer meiner Vorgänger, Tim Heitland, immer so schöne literarische Zitate gebracht. Nicht nur deswegen kann ich die alten Blogs sehr empfehlen. Dort steht auch viel Interessantes über die Observatorien und die Forschung drin, weswegen ich in diesem Blog nicht nochmal alles wiederholen möchte.

Stattdessen möchte ich versuchen, die alltäglichen Erlebnisse und Gedanken zu porträtieren und das Leben auf der Station darzustellen. Aufgrund der Corona-Pandemie gingen viele Interviewanfragen bei uns ein, wie wir mit der Isolation umgehen. Ich habe dann oft darauf hingewiesen, dass eine Strukturierung der Tage und Wochen wichtig ist. Inzwischen haben wir diese Struktur geschaffen, jeder strukturiert seinen Arbeitstag entsprechend seinem Pensum mit Verteilung der zusätzlichen Aufgaben, die in einer Wochenbesprechung geplant werden (zum Beispiel Putztag am Samstag). Für die Freizeitaktivitäten hat jeder seine individuellen Sporttage, zusätzlich gibt es gemeinsame Abende … am Montag „Sneak Movie Night“, Dienstag Basketball, Mittwoch „progressiver Hausmusikabend“ (mit Schlagzeug, Klavier, Gitarre, Trompete, Gesang und hoffentlich bald Querflöte), Donnerstag Filmabend und Samstag „Spieleabend“ (Billiard, Tischkicker, Tischtennis, Darts, Brett- und Würfelspiele). Insgesamt mit wechselnder Beteiligung, die Abende sollen ja auch nicht zum Zwang werden, aber die Strukturierung hilft in meinen Augen sehr. Und mir ging es selbst schon öfters so, dass ich auf einen dieser Aktivitäten-Abende erst keine Lust hatte, dann aber doch daran teilgenommen habe und es richtig schön war … ein „Höhepunkt“ der Woche. Für mich persönlich habe ich im Internet einige Piano-Tutorials gefunden, die überraschend gut sind. Es ist nur etwas langwierig mit der Ladezeit wegen unserer begrenzten Internet-Bandbreite, aber ich hätte nie in meinem Leben erwartet, dass ich einmal in Antarktika per Internet-Tutorials neue Klavierstücke lernen würde ….  ;-)

„Hey Jude“ und „Let it Be“ von den Beatles, „Imagine“ von John Lennon, „Desperado“ und „Hotel California“ von den Eagles, „Tears in Heaven“ von Eric Clapton, „Halt dich an deiner Liebe fest“ von Ton Steine Scherben, „Der Astronaut“ von Udo Lindenberg, „Sound of Silence“ und „Scarborough Fair“von Simon and Garfunkel, „What a wonderful world“ von Louis Armstrong, „You’ve got a friend“ von Carol King, „True Colours“ von Cyndi Lauper, „Just the way you are“ und „Piano man“ von Billy Joel, „Bosco“ von Placebo und „Chasing cars“ von Snowpatrol … sind sehr viele Balladen und traurige Lieder. Aber bevor sich jetzt jemand zu viele Sorgen um uns macht … an „Our House“ von Madness sind wir dran und bei „Rockin ‚all over the world“ von Status Quo lassen wir’s krachen. Also bitte keine Sorgen machen … ;-) Und „Bohemian Rhapsody“ von Queen wird als nächstes in Antarktika mit den Pinguinen im Background Chor einstudiert … schaun ma mal, ob’s klappt … Nachbericht folgt …

Musikset (Foto: Klaus Guba)

Ich hoffe wir lesen wieder voneinander, ois Guade und bis bald ….

 

Messstation hochsetzen (Foto: Klaus Guba)
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