Ein Grummeln aus dem Himalaya
Im Zuge des starken Bebens in Nepal wurden wir immer wieder darauf angesprochen, ob wir dieses Ereignis auch hier an der Neumayer-Station III beobachten konnten. Die Geophysik betreibt auf Neumayer schließlich seit Bestehen der Station ein seismologisches Observatorium.

Eine unseren täglichen Aufgaben besteht darin, die Erdbebendaten zu sichten und auszuwerten. Wir markieren eingehende seismische Signale und ordnen sie Erdbeben zu, soweit sie in den Katalogen der Erdbebendienste gelistet sind oder versuchen, den Erdbebenherd selbst zu lokalisieren.
Sehr oft sehen wir lokale Eisbeben, die auf Brüche im Eis oder auf die Fließbewegung des Eises über festen Untergrund zurückzuführen sind. Im regionalen Entfernungsbereich bis ca. 2000 Kilometer sehen wir hauptsächlich Beben im Bereich der South Sandwich Islands und entlang der südatlantischen Bruchzonen. Die Antarktis selbst ist, was Erdbeben betrifft, ein sehr ruhiger Kontinent. Dennoch gibt es auch vereinzelt Erdbeben in der Antarktis, die wir detektieren und lokalisieren wollen.
Wir können auch Erdbeben in wesentlich weiteren Entfernungen sehen. Im Entfernungsbereich bis ca. 11000 Kilometer können wir sehr häufig seismische Signale aus ganz bestimmten Regionen beobachten, die durch eine besonders hohe Erdbebentätigkeit gekennzeichnet sind. Dazu gehören z.B. die gesamte Andenregion, Neuseeland und die nördlich daran anschließenden Inseln wie Fiji, Tonga oder Indonesien bis hinauf nach Japan. Dort treten fast täglich Erdbeben auf, wenngleich sie meist nur kleine Magnituden haben.

Ob wir deren Signale in unseren Registrierungen sehen können, hängt im Wesentlichen von der Stärke des Bebens und von der Bodenunruhe bei uns hier ab. Hohe Windgeschwindigkeiten an Neumayer erzeugen eine sehr hohe Bodenunruhe und die Signale sind in diesem Rauschen nicht oder kaum zu erkennen. Bei weiter entfernten Ereignissen passieren die Wellen den Erdkern und werden dadurch stark abgeschwächt, sie sind daher oft nicht mehr zu identifizieren. Sind die Bebenherde mehr als ca. 11000 Kilometer entfernt, dann laufen die zuerst an Neumayer ankommenden Wellen durch den Erdkern. Aufgrund der großen Entfernung haben diese Wellen nur mehr geringe Amplituden, ähnlich wie bei den auslaufenden Wasserwellen, wenn man einen Stein in einen Teich wirft.
Aus diesen weit entfernten Regionen sehen wir daher meist nur sehr starke Beben. So starke Ereignisse wie das Nepalbeben am 25. April und das Nachbeben am 12. Mai (siehe Abbildung 1) sind weltweit sichtbar, also auch bei uns in der Antarktis.
Die indische Platte schiebt sich in der Gegend des Himalayas unter die eurasische Platte, wodurch dieser sich aufwölbt. Dabei bilden sich Spannungen, die immer wieder zu Beben unterschiedlichster Stärke führen. Durch die Entspannung bei diesem Beben ist der Himalaya um wenige Zentimeter abgesackt, an einigen Stellen sogar über einen Meter.
Während wir von den katastrophalen Auswirkungen für die Bewohner erst mit einiger Verzögerung aus den Nachrichten erfuhren, registrierten die Sensoren unserer drei Stationen (VNA1, VNA2 und VNA3 in der Abbildung 1) die Schwingungen dieses Events 19 Minuten nach dem Erdbeben. Obwohl das Signal sehr deutlich war, ist der Ausschlag verglichen mit einem Beben aus der Nähe aber eher klein und die meisten der vielen Nachbeben waren auch für unsere hochempfindlichen Seismometer nicht mehr wahrnehmbar.
Im Zusammenhang mit diesem Beben wurden wir auch mehrfach gefragt, ob es nicht möglich gewesen wäre, die Menschen in dieser Region zu warnen und zu evakuieren und so den Tod vieler Menschen zu vermeiden. Leider gibt es für Erdbeben bisher keine Vorhersagemöglichkeit und die generelle Machbarkeit eines Frühwarnsystems ist zum jetzigen Zeitpunkt fraglich. Auch wenn bestimmte Regionen häufiger von Erdbeben betroffen sind als andere und die Ursachen dafür bekannt ist, so kann man höchstens die Wahrscheinlichkeit angeben, mit der ein Beben bestimmter Stärke zu erwarten ist. Man kann aber nicht vorhersagen, wann dieses Beben dann auch tatsächlich eintritt. Die Aufzeichnung und Analyse der Signale, wie sie bei uns und auf der ganzen Welt durchgeführt werden, helfen uns, den Aufbau unserer Erde, die Prozesse die immer wieder zu Erdbeben führen und den genauen Ablauf eines Bebens besser zu verstehen.
Eure Geos Andreas und Annemarie




