Freizeit am Südpol
… ist häufig eine Herausforderung. Man kann nicht einfach mal ins Kino gehen oder abends auf ein Bier in eine Bar. Wir haben hier zwar einen Fernsehraum und einen kleinen Laden, in dem man 3-mal die Woche einkaufen gehen kann, aber das Angebot ändert sich nie und das Interesse sinkt mit der Zeit doch massiv.

Ganz allgemein versucht die Station jedoch einem so viele Möglichkeiten zur Unterhaltung zur Verfügung zu stellen wie möglich. Wir haben einen Fernsehraum, einen Musikraum, einen Bastelraum, eine Sporthalle mit Ausrüstung für fast alle denkbaren Ballspiele, ein Fitnesscenter mit Gewichten und eine Bibliothek. Aber der Raum allein macht noch keine Unterhaltung. Das heißt, man muss sich selber beschäftigen und so wurde mir im Voraus empfohlen mir Gedanken zu machen über neue Hobbys, die ich immer schon mal lernen wollte.
Man kann sich auch nicht immer einfach an den Rechner setzen und den Abend im Internet versurfen. Wir haben ein Zeitfenster von ca. 10h/Tag, an dem wir nicht mit dem Internet verbunden sind. Seit Mai geht der letzte Satellit, der uns online bringt, vor Feierabend ‚unter‘ und derzeit geht der erste Satellit um Mitternacht auf. Die Zeit, in der die Satelliten sichtbar sind, verschiebt sich jeden Monat um 2 Stunden, sodass es bald wieder möglich sein sollte, abends mit Freunden zu telefonieren und zu chatten. Selbst YouTube-Videos kann man gelegentlich schauen, wenn die Verbindung gut genug ist.

Ich habe mir daher ein paar Bücher zum Thema Origami gekauft und mich ein wenig in die Kunst des Häkelns eingearbeitet. Andere Pläne, wie etwa Gitarre oder Zeichensprache zu lernen, haben sich nicht realisiert. Nicht wegen einem Mangel an Zeit, sondern wegen einem Mangel an Motivation.
In der Hinsicht ist es von Vorteil ein gefülltes Abendprogramm zu haben. Es werden von verschiedenen Mitgliedern Kurse angeboten. Die Kurse sind so breit gefächert wie die Persönlichkeiten hier am Südpol. Wir haben einen Weinkurs, in dem wir alles über Weinanbau und -produktion lernen, einen Französisch-Kurs, einen Massagekurs, sodass man jede Menge Neues erlernen kann. Zudem gibt es sportliche Aktivitäten wie etwa Volleyball, Martial Arts oder Einradfahren und natürlich die etwas informelleren Termine, wie „Gesellschaftsspieldonnerstag“, „Fernsehdienstag“ oder „Kinosamstag“, bei denen sich der Organisierer dazu verpflichtet hat, für den Abend einen spannenden/interessanten Film oder eine Fernsehserie auszuwählen und zu zeigen. Diese Termine existieren hauptsächlich, damit die Räume an dem Abend nicht anderweitig belegt werden.

Mit der Zeit wird aber auch dieser „geregelte“ Wochenablauf eher eintönig und man wünscht sich, dass mal etwas anderes passiert. Eine Möglichkeit ist es dann Kollegen bei der Arbeit zu besuchen und sich über deren Arbeitsablauf zu informieren. Als Physikerin standen bei mir die anderen wissenschaftlichen Experimente weit oben auf der Liste und insbesondere das Klimaforschungsinstitut ARO hat mich sehr fasziniert. Die Kollegen von ARO lassen neben den Messungen am Boden auch regelmäßig große Ballons steigen, um Ozon, Temperatur und Druck in den verschiedenen Lagen der Atmosphäre zu vermessen. Ein Ereignis, dass man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man am Südpol ist!

Aber auch die Leute vom Vertrieb habe ich besucht und dort mit viel Begeisterung kaputte Kisten und Knallpapier zerstören dürfen. Bei den Handwerken durfte ich zuschauen wie geschweißt und repariert wird und in der Küche durfte ich gelegentlich den Handlanger machen, wenn es darum geht deutsche Spezialitäten, wie zum Beispiel Spätzle, herzustellen. Immer mit der notwendigen Schutzausrüstung, natürlich.
Ein Hobby, das man hier sehr ausführlich ausleben kann, ist die Nachtfotografie. Dieses Jahr war das Wetter mit wenigen Ausnahmen gut, sodass wir häufig rausgehen konnten und Fotos vom Sternenhimmel, vom Mond und von den Auroras machen konnten. Der Himmel war eigentlich immer atemberaubend, leider ist es mit der Kälte hier doch nicht ganz einfach Fotos zu machen. Innerhalb von 15 Minuten friert einem die Kamera komplett ein und wenn man bei -65 Grad versucht, durch den (metallischen) Sucher zu schauen, kann man sich leider auch schnell verletzen. Der Südpol ist ein toller Ort ,um Auroras zu sehen, aber leider nicht für allzu lange Zeit.
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Zudem gibt es jedes Jahr ein paar große Feiern, an denen die Küche ein besonderes Abendessen kocht und bei denen gemeinsam gespeist und bis spät in die Nacht diskutiert wird. Im Winter sind das der Sonnenuntergang Mitte März, Mitwinter im Juni und der Sonnenaufgang Ende September. Diese Feiern beflügeln auch die Wochen davor, wenn man in der Planung drin steckt und erzeugen Vorfreude. Das sind aber nicht die einzigen großen Ereignisse. Wir hatten gerade in diesem Jahr in der Hinsicht viel Glück, denke ich, weil wir mehrere Leute hatten, die gerne „Wochenendaktivitäten“ organisiert haben. So haben wir dieses Jahr das traditionelle „Weihnachten im Juli“ gefeiert, eine Ostereiersuche veranstaltet, ein Billardturnier absolviert, sowie die „Polympics“, die olympischen Spiele des Südpols organisiert, bei denen wir uns in so athletischen Disziplinen wie Volleyball und Call of Duty 2 gegeneinander messen durften.

Ich bereite in den nächsten Wochen noch einen Pubquiz-Abend vor und es gibt Gerüchte, dass auch ein Karaoke-Abend, sowie ein Wellness-Tag mit Massage, Maniküre und allem drum und dran, in Vorbereitung ist. Auch das Oktoberfest wird dieses Jahr wohl wieder am Südpol stattfinden. All diese Aktivitäten müssen natürlich nach der Arbeitszeit oder am Sonntag stattfinden, da wir hier eine 6-Tage-Woche haben und somit der Samstag ein gewöhnlicher Arbeitstag ist.
Aber nicht nur ‚große Feiern‘ bereiten Freude, auch Kleinigkeiten wie ein Kollege der am Sonntag Brezeln backt oder Nachos macht, unterbricht den Alltag und wird in der Regel mit Begeisterung aufgenommen.





Leser:innenkommentare (2)
Reiner
Ein toller Bericht. Das Leben als Wissenschaftler ist das eine, aber wie verbringt man/frau in der Abgeschiedenheit die freie Zeit. Und ständig sich selbst reflektieren und den Sinn des Lebens nachzudenken hilft einem auch nicht über die Polarnacht. Die Bilder der Auroras sind für mich überwältigend. Ich bedanke mich für Eure Beiträge sende ich Ihnen meine herzliche Grüße
Kathrin
Es freut zu hören, dass die Berichte von Interesse waren. Die Zeit am Südpol war definitiv einmalig und ich denke jeder verlässt den Südpol als ein neuer Mensch. Man lernt in der Abgeschiedenheit eigentlich fast zwangsläufig mehr über sich selbst.